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Vom Zauderer zum Zauberer

Vom Zauderer zum Zauberer
Mönchengladbach. Hinter Borussia Mönchengladbach liegt ein bewegtes Jahr. Erst Traumrückrunde mit damit verbundener Qualifikation für die Champions League, dann Gruselstart mit fünf Neiderlagen, Platz 18 und Rücktritt von Lucien Favre, schließlich die Wende unter Neu-Trainer André Schubert mit toller Serie, unglücklichem Ausscheiden aus Champions und Europa League und dem Pokal-K.o.. Langweilig wurde es rund um den Borussia-Park in diesem Jahr nicht. Von David Friederichs

Es war der Lacher bei der Pressekonferenz vor Borussias Heimspiel in der Champions League gegen Juventus Turin. Ein italienischer Journalist verglich Schubert mit einem Zauberer, der die Borussia wie mit magischen Kräften zurück zu alter Stärke gebracht hätte. Auch wenn Schubert nur lachen konnte und nichts von Zaubersprüchen und Zauberstab wissen wollte, ein wenig Wahrheit lag in diesem Vergleich.

Als Interimslösung war Schubert Ende September präsentiert worden, nachdem Lucien Favre überraschen den Rücktritt erklärt hatte. Eberl sagte, man wolle den Markt in Ruhe studieren, hätte einige Ideen. Auch er hatte in diesem Moment sicherlich nicht daran gedacht, dass aus der Interims- eine Dauerlösung werden würde.

Schließlich war mit Lucien Favre ein Trainer gegangen, den Eberl noch kurz zuvor aus „unrauswerfbar“ bezeichnet hatte. Viereinhalb Jahre hatte Favre am Niederrhein gearbeitet, einen fast schon sicheren Absteiger in die Champions League geführt.

Mit 27 Punkten startete der VfL ins Jahr 2015. Der vierte Tabellenplatz weckte Hoffnungen, doch angesichts der engen Tabellenkonstellation war allen bewusst, dass man auch schnell in Richtung Mittelfeld würde abrutschen können. Nach zwei Siegen zum Rückrundenauftakt folgte am 20. Spieltag eine 0:1-Niederlage bei Schalke 04. Dass diese Niederlage die letzte bis zum letzten Spieltag bleiben würde, hatten auch die kühnsten Optimisten nicht vermutet. Siege gegen Dortmund, Bayern, Leverkusen und Wolfsburg aber ebneten den Weg in die Königsklasse, die am 33. Spieltag durch einen 2:0-Erfolg bei Werder Bremen Realität wurde. 39 Punkte sammelte der VfL in der Rückrunde, war damit das beste Rückrundenteam und wurde von den Fans gefeiert.

Doch Favre, der ewige Perfektionist, hob schon in der Vorbereitung, als den Borussia Park eine große Champions-League-Dunstwolke umkreiste, mahnend den Finger - so wie er es zuvor schon oft getan hatte. Da passte es eigentlich nicht ins Bild, dass er sich überaus zufrieden mit der Vorbereitung zeigte. Ohne Niederlage in den Vorbereitungsspielen startete man in die neue Saison, siegte auch im Pokal nach schwacher erster Hälfte in St. Pauli. Doch mit Beginn der Saison war alles verflogen. Eine 0:4-Niederlage zu Beginn in Dortmund hakte man noch unter dem Motto „Kann ja mal passieren ab“, doch es folgten weitere Pleiten gegen Mainz und Hamburg, in Bremen und Köln. Hinzu kam noch die blutleere Vorstellung im ersten Champions-League-Spiel beim FC Sevilla, eine 0:3-Niederlage, die im Rückblick mit entscheidend für das spätere Aus war.

Favre schien ratlos, nichts von dem, was er versuchte, schien zu funktionieren. Für einen Perfektionisten wie Favre, den Zauderer, für den das Glas immer halbleer und nicht halbvoll schien, eine schwierige Situation. Schon mehrfach vorher, so kam im Nachhinein heraus, hatte er seinen Rücktritt angeboten, doch alle Angebote, auch das am Tag des Rücktritts, schlugen die Verantwortlichen des Vereins aus. Favre sah keine andere Lösung mehr, als den Verein vor vollendete Tatsachen zustellen. „Ich habe nicht mehr das Gefühl, der perfekte Trainer für Borussia Mönchengladbach zu sein. Es ist jetzt an der Zeit und die beste Entscheidung für den Verein und die Mannschaft, eine Veränderung herbeizuführen“, hatte er in einer schriftlichen Erklärung verlauten lassen. Ein Schritt, der im ersten Moment ein Schock war, rückwirkend aber befreiend auf die Mannschaft wirkte.

Nur drei Tage nach dem Rücktritt stand also plötzlich André Schubert an der Seitenlinie. Erst zur neuen Saison war Schubert als Trainer für die U23 verpflichtet worden. Mit ihm sollte nach dem verpassten Aufstieg in der Vorsaison ein neuer Angriff unternommen werden. Und plötzlich fand er sich im Rampenlicht der Bundesliga wieder. In der Zweiten Liga hatte er bereits beim SC Paderborn und FC St. Pauli gearbeitet, jetzt sollte er als Interimslösung zumindest kurzfristig helfen.

Nach nur 21 Minuten traute man seinen Augen kaum. Mit 4:0 führte der VfL gegen den FC Augsburg, am Ende stand es 4:2. Die ersten Punkte waren eingefahren. Es war, als hätte Schubert einen Schalter umgelegt, denn fortan lief es wieder bei der Borussia. Kleine Modifikationen mit früherem Pressing und offensiveren Außenverteidigern, der festen Berufung von Lars Stindl in die Spitze, Mo Dahoud auf die Sechs und Andreas Christensen in die Innenverteidigung zeigten schnell Wirkung. Die Borussia eilte in der Bundesliga von Sieg zu Sieg, spielte auch in der Champions League plötzlich auf Augenhöhe mit den Großen wie Juventus Turin und Manchester City. In Anlehnung an José Mourinho als „The special One“ und Jürgen Klopp als „The normal One“, wurde Schubert zu „The Interims One“. In der Länderspielpause nach dem 1:1-Unentschieden gegen Ingolstadt bekam Schubert schließlich den Vertrag als Cheftrainer, nachdem sich auch zahlreiche Spieler für Schubert stark gemacht hatten.

Und auch in der Champions League schien der dritte Platz nach dem 4:2-Heimsieg gegen den FC Sevilla zum Greifen nah. Doch angesichts der anhaltenden Verletzungssorgen mit zahlreichen langfristigen Ausfällen potenzieller Stammspieler, war ein Substanzverlust unvermeidbar. Schubert fehlten die Alternativen, um im eng gestrickten Terminplan entsprechend rotieren zu können. Bei Manchester City zeigte sich dies in der zweiten Hälfte, gegen Leverkusen brach die Mannschaft nach dem 0:2 sogar völlig ein. Auch der Niederlage im Pokal gegen Bremen war der Belastung der letzten Spiele geschuldet. Ein wenig Naivität gepaart mit der nicht mehr vorhanden geistigen Fitness, führen zu solchen Ergebnissen. Doch Borussias Fans haben ein feines Gespür für solche Situationen. Zu dankbar sind sie, dass die Borussia nach dem Katastrophen-Start überhaupt wieder in den internationalen Plätzen rangiert.

Durch den abschließenden „Sieg der Moral“ gegen Darmstadt hat der VfL sogar mehr Punkte in der Bundesliga auf dem Konto, als zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison. Natürlich wird Eberl im Winter nach Verstärkungen suchen, denn auch ohne Dreifachbelastung ist die Decke sehr dünn. Patrick Herrmann und André Hahn kommen frühestens im Februar zurück ins Training, Nico Schulz und Tony Jantschke könnten wohl frühestens im Endspurt der Saison zur Verfügung stehen (wenn überhaupt), Alvaro Dominguez könnte sogar die gesamte Rückrunde ausfallen.

Doch ungeachtet der möglichen Winterneuzugänge hat Schubert in der Vorbereitung erstmals Zeit, seinen eigenen Vorstellungen mit der Mannschaft einzustudieren. So wird die Dreierkette sicherlich eine Option sein. Dann ist Schubert vielleicht wieder als Zauberer gefragt, als Zauberer, der die Borussia wieder ins internationale Geschäft führt. „Bei der Art und Weise, wie die Mannschaft Fußball spielt, freue ich mich riesig auf die Rückrunde“, so Schubert.

(Report Anzeigenblatt)