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Interview
Zwischen riesen Party und Hausaufgaben

Interview: Zwischen riesen Party und Hausaufgaben
Seit 2009 ist Rainer Bonhof Vizepräsident der Borussia. FOTO: Getty Images
Seit sechs Jahren ist Rainer Bonhof als Vizepräsident zurück bei Borussia Mönchengladbach. Als aktiver Spieler erlebte er die erfolgreichen 70er Jahre mit, war maßgeblich an den größten sportlichen Erfolgen beteiligt. Im Interview mit David Friederichs erinnert sich Bonhof an die Duelle mit dem FC Liverpool, spricht über die besonderen Herausforderungen der neuen Saison und die Erwartungen in allen drei Wettbewerben.


Beim letzten Champions League Spiel der Borussia standen Sie selber auf dem Platz. Jetzt, knapp 38 Jahre später, sind sie bei der Rückkehr als Vizepräsident mit dabei. Was ist das für ein Gefühl?
Das ist alles schon sehr lange her, da denke ich nicht mehr groß drüber nach. Natürlich freut man sich auf die Rückkehr auf die große Bühne. Die Europa League kennen wir ja schon, aber Champions League ist nochmal eine andere Hausnummer. Es ist schön für alle, die hier bei der Borussia daran beteiligt sind, aber auch für die Fans und unsere Mitglieder.
Kommen Sie jedes Mal mit einem Lächeln ins Stadion, wenn Sie den großen Champions League Banner am Borussia-Park sehen?
Eigentlich nicht. Wir müssen einen Spagat hinbekommen: auf der einen Seite gehen wir zu einer riesen Party und wir sind selber dafür verantwortlich, ob die Party gut wird. Aber wir dürfen auch die Hausaufgaben, also die Bundesliga, nicht vernachlässigen. Das haben wir in den beiden Jahren mit der Europa League gut hinbekommen,  aber darauf müssen wir immer wieder hinweisen.
Bei fast allen großen internationalen Auftritten in den 70-er Jahren standen Sie selber auf dem Platz. Welche Momente sind unvergessen?
Wenn ich an die letzten Duelle gegen Liverpool zurückdenke, dann natürlich an meinen Freistoß im Hinspiel, der sehr kompliziert für den Torwart Ray Clemens war (Anm. d. Red.:  Bonhof traf zum 2:1-Endstand). Und natürlich an dieses komische Rückspiel in Liverpool, in dem wir nur hohe Bälle um die Ohren bekommen haben. Wir haben keinen Zugriff auf das Spiel bekommen. Es kamen keine Kombinationen zu Stande. Ich will das typisch englische Regenwetter da auch nicht als Entschuldigung gelten lassen.
In dieser Saison hofft man in Mönchengladbach auf neue unvergessliche Momente. Raffael wünscht sich den FC Barcelona bei der CL Auslosung. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wen würden Sie sich wünschen?
Wenn ich sehe, wer sich in Topf 1 befindet, da kann man sich auf jeden freuen. Barcelona wünscht sich wahrscheinlich jeder, jeder will mal in einem Pflichtspiel im Nou Camp spielen. Aber es hätte natürlich sehr viel Esprit, zumal Marc-Andre ter Stegen auch dort spielt.
Welche besonderen Herausforderungen kommen durch die Champions League auf den Verein und die Mannschaft zu? 
Wir wissen, dass wir entweder dienstags oder mittwochs spielen. Nach den Spielen kann man ein wenigimmerhin einen Tag mehr Luft holen als in der Europa League, da man erst samstags oder sonntags spielt. Dafür wird aufgrund der noch stärkeren Gegner auch die Belastung größer sein. Besonders sind natürlich die Reiseziele. Limassol war sicherlich ein toller Ausflug, aber jetzt warten andere Städte, wo der Andrang unserer Fans sicherlich recht groß sein wird.
Ein Großteil der Mannschaft kennt die Champions League nur aus dem Fernsehen. Merken Sie schon jetzt eine besondere Anspannung oder Vorfreude bei den Spielern? 
Man erkennt diese Vorfreude auf die neue Saison. Die Spieler wollen das auskosten, was sie in der Vorsaison als Grundstock gelegt haben. Wir haben eine außergewöhnliche Rückrunde gespielt, waren das beste Rückrundenteam. Jetzt ist die besondere Herausforderung, diese Leistung zu bestätigen. Natürlich haben in der letzten Saison Dortmund und auch Schalke etwas geschwächelt, aber wir haben uns von der besten Seite gezeigt. Jetzt wollen wir die Spiele genießen.
Max Eberl hat vor einem Jahr gesagt, Borussia würde eine Nische bedienen. Auch in diesem Jahr wurden wieder viele junge Nachwuchstalente geholt. Bleibt die Borussia damit trotz Champions League Millionen ihrer Linie treu?
Das hatten wir uns vor einigen Jahren vorgenommen, bisher hat das sehr gut funktioniert. Dementsprechend arbeiten wir weiter in diese Richtung. Das schöne ist, dass die Verweildauer derer, die sich bei uns entwickelt haben, länger geworden ist. Wenn man schaut, wo Spieler von Borussia Mönchengladbach mittlerweile hinwechseln, ist das schon eine andere Hausnummer als früher. Amin Younes, der jetzt zu Ajax Amsterdam gegangen ist, ter Stegen nach Barcelona – da ist bei aller Traurigkeit, gute Spieler zu verlieren, auch ein gewisses Maß an Stolz mit dabei. Unsere Leute in der Jugend leisten sehr gute Arbeit.
Marco Reus oder Christoph Kramer kamen für kleines Geld und entwickelten sich in Mönchengladbach zu Nationalspielern - was macht die Borussia besser als andere Vereine, um diese Talente zu finden?
Geheimnisse will ich natürlich nicht Preis geben. Es ist aber sichtbar nach außen, dass junge Spieler bei der Borussia eine Chance bekommen. Ansonsten sollten wir die Leute in Ruhe weiterarbeiten lassen.
Der sportliche Erfolg macht nicht nur Spieler der Borussia für andere Vereine interessant, erst kürzlich wurde auch das Interesse von Schalke 04 an Max Eberl öffentlich. Sind das die normalen Gesetzmäßigkeiten des Fußballs, mit denen man leben muss?
Natürlich. Es ist ja nicht so, dass sich die Begehrlichkeiten anderer Vereine auf Spieler begrenzen, da geht es um den ganzen Bereich der sportlichen Leitung. Natürlich sind andere Vereine hellhörig geworden, aber das gehört dazu. Wir haben vom Präsidium ein sehr enges Verhältnis zur sportlichen Leitung. Wenn Max Eberl interessiert gewesen wäre, wären wir die ersten Ansprechpartner gewesen. Aber es ist auch schön zu wissen, dass das, was vor ein paar Jahren auf ihn eigeprasselt ist, sich in eine andere, für ihn angenehmere Situation gewandelt hat. Aber da steckt viel Arbeit und Einsatz hinter.
Noch hat Max Eberl zwei Jahre Vertrag. Was macht Sie zuversichtlich, dass er auch über diesen Zeitraum hinaus der Borussia treu bleibt? Hängt das auch vom Erfolg im nächsten Jahr ab?
Ungeachtet dessenWir  wissen wir um die Vertragsgestaltung von Max Eberl und wir wissen, wann wir die Vertragsverlängerung in Angriff nehmen müssen.Und was die Zielsetzung für die neue Saison angeht: Wir denken realistisch. Wir greifen nicht direkt nach den Sternen, wir wollen uns weiter in der Einstelligkeit etablieren. Was ja nicht ausschließt, dass man weiter international spielen kann. Das wird natürlich nicht einfacher, wenn man auf drei Hochzeiten tanzt. Ungeachtet dessen wissen wir um die Vertragsgestaltung von Max Eberl und wir wissen, wann wir die Vertragsverlängerung in Angriff nehmen müssen.
In der letzten Saison blieb die Borussia in den ersten 18 Pflichtspielen ohne Niederlage. Erst in Dortmund gab es die erste Pleite. Ausgerechnet dahin geht es am ersten Spieltag. Wie wichtig wäre ein erfolgreicher Start in die Saison?
Der Beginn ist sehr interessant. Erst in Dortmund, dann gegen Mainz zu Hause, danach folgen Bremen, Hamburg und der 1. FC Köln. Wir müssen von Anfang an 100 Prozent abrufen können. Daher haben wir die Vorbereitung mit Spielen gegen internationale Topvereine wie Porto und Newcastle gestaltet, um schnell in einen Rhythmus zu kommen. Dortmund weiß sicherlich vielleicht nach der letzten Saison noch nicht ganz, wo der Weg hingeht. Dennoch ist es für uns ein i-Tüpfelchen gleich zu Beginn der Saison gegen einen starken Gegner und vor beeindruckender Kulisse, da wird man erkennen, wie unser Leistungsstand ist.
Was ist am Ende der Saison in allen drei Wettbewerben möglich und realistisch?
Ich müsste jetzt wahrscheinlich drei Euro ins Phrasenschwein werfen, aber es ist doch klar, wir wollen in allen drei Wettbewerben so erfolgreich wie möglich abschneiden. In der Champions League wissen wir erst am 27. August, wer dort auf uns zukommt. Im Pokal haben wir mit dem FC St. Pauli mit das schwerste Los bekommen.
Ist es für den Start vielleicht gar nicht so schlecht, dass man noch nicht weiß, wer in der Champions League auf einen wartet?
Das ist, glaube ich, egal. Es geht darum, einen guten Start zu haben, um den Rhythmus aufzunehmen. Nach drei Spieltagen ist schon wieder Pause, dann sind die Nationalspieler mit ihren Mannschaften unterwegs. Danach gibt es bis zur Winterpause fast nur noch englische Wochen. Da kommt eine Menge Arbeit auf uns zu. Aber wir freuen uns darauf.