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Anblick nicht schick genug?

Anblick nicht schick genug?
Passt das Arbeitslosenzentrum nicht mehr in die aufgewertete Gegend? FOTO: Andreas Baum
Mönchengladbach. Macht sich in Mönchengladbach ein Klima sozialer Kälte breit? So jedenfalls empfindet der Verein Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach. Nach 32 Jahren will die Stadt dessen Heimat-Immobilie an der Lüpertzender Straße nicht weiter zur Verfügung stellen – und damit drohen weitreichendere Konsequenzen, als nur ein Umzug. Von Ulrike Mooz

Essensduft weht durch das Haus an der Lüpertzender Straße 69 und lässt den Besuchern das Wasser im Mund zusammen laufen. Frank Tauben, 67, steht in der Schlange vor der Essensausgabe. Es gibt Hähnchenbrust Hawaii mit Erbsen-Möhrengemüse und Kroketten oder Reis und zum Nachtisch frischen Obstsalat für zwei Euro. Vor drei Wochen hat der Rentner den Tipp bekommen und kommt seitdem jeden Tag hier hin. "Das Essen schmeckt fantastisch", sagt er.

Tauber ist einer von vielen, die sich im Arbeitslosenzentrum mittags eine warme Mahlzeit zum ganz kleinen Preis abholen. 60 Mittagessen kochen Ella Heiniz, Marina Nemtsewa und Anongnuth Rombey hier in der kleinen Profiküche an Werktagen, rund 12 000 Essen werden im Jahr ausgegeben, etwa 3 000 mal beraten Diplom-Pädagoge Julian Strzalla und Einrichtungsleiter Diplom-Sozialarbeiter Karl Sasserath Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut.

Dass es das Mönchengladbacher Vorzeigeprojekt aus Beratung, Mittagstisch und Treff, das beim Landessozialministerium als beispielhaft gilt, eines Tages mal nicht mehr geben könnte, stand nie ernsthaft zur Diskussion, sind sich Herbert Baumann, Karl Boland und Winfried Schulz vom Vereinsvorstand einig. Im Gegenteil: Um weitere Baumaßnahmen, etwa zur Barrierefreiheit, zu realisieren, war ein Erbrechtsvertrag mit der Stadt in der Mache, der kurz vor der Kommunalwahl 2014 nach vier Jahren Verhandlung und einer auf Vereinskosten entworfenen Raumplanung in trockenen Tüchern schien.

Doch mit den neuen politischen Mehrheiten weht offenbar ein anderer Wind: Kurz vor Weihnachten wurde dem Vorstand mitgeteilt, dass man das Arbeitslosenzentrum in Zukunft an diesem Standort nicht mehr sehe.

Und auch die weiterhin kostenfreie Nutzung einer städtischen Ersatz-Immobilie ist für den Verein jetzt offenbar Geschichte. "Das hat uns wie der Blitz getroffen", sagt Karl Boland. Rund 120 000 Euro hat der Verein seit 2002 für Sanierungsarbeiten in dem ehemaligen Jugendheim von 1938 in die Hand genommen. Erst zuletzt für die Erneuerung der Küche nach modernen Standards, die gemeinsam mit der Hochschule Niederrhein erarbeitet wurden. "Warum haben die uns noch 2014 dafür 50 000 Euro investieren lassen, wenn man uns hier nicht mehr haben will", empört sich Winfried Schulz, das seien die Ersparnisse von drei Jahren gewesen.
Den Sinneswandel, vermutet der Vereinsvorstand, hätten die Bauplanungen auf der anderen Straßenseite verursacht. Als Ausblick aus den gehobenen Wohnungen der zukünftigen Roermonder Höfe auf der Bleichwiese, tauge das Arbeitslosenzentrum offenbar nicht. "Man will uns am liebsten verstecken", vermutet Schulz. Und auch das vermutlich recht lukrative Grundstück sei wohl ein Grund. Offiziell habe es geheißen, der "Abteiberg habe sich weiterentwickelt".
Wo ein eventueller angedeuteter neuer Standort sein könnte, darauf hat der Verein in den letzten sechs Monaten keine Antwort erhalten. Wo die Gerüchte herkommen, es könne das Vitus Center sein, weiß niemand.
Der Standort ist nicht zufällig an der Lüpertzender Straße. "In Mönchengladbach ist die Struktur so, dass viele Bedürftige im Stadtkern wohnen", sagt Karl Boland. So eine Einrichtung müsse leicht erreichbar sein. Die sieben Angestellten des Arbeitslosenzentrums fühlen sich derweil, als seien sie dabei, den Boden unter den Füßen und das Dach über dem Kopf zu verlieren. Niemand weiß, wo die rund 25 000 Euro Mehrkosten für Miete und Nebenkosten eines eventuellen neuen Standortes herkommen sollen. Die ganze Diskussion schade auch ökonomisch, so der Vorstand. "Die Spendenbereitschaft hat schon deutlich nachgelassen", sagt Herbert Baumann, kein Sponsor wolle Geld geben ohne Sicherheit.
Die neue Sozialdezernentin Dörte Schall habe immerhin kürzlich den Weg ins Arbeitslosenzentrum gefunden und sich zwei Stunden Zeit genommen. Doch bei allen Fragen, die über den Leistungsvertrag, der lediglich die Sozialberatung enthält, hinaus gehen, seien ihr die Hände gebunden, so Boland. Darüber müsse politisch entschieden werden und wie das ausgehe, weiß keiner.

(Report Anzeigenblatt)