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Behindert ? Früher melden !

Behindert ? Früher melden !
Susanne Wilms (li.) und Dagmar Pohl von der Beratungsstelle „Kinderzentrum für Inklusion“ können helfen. FOTO: Klaus Schröder
Neuwerk. Die neue Beratungsstelle „Kinderzentrum für Inklusion“ in Neuwerk hilft Eltern, Erzieherinnen und vor allem Kindern, mit Handicaps umzugehen – praxisnah und mit einem riesigen Erfahrungsschatz. Von Klaus Schröder

„Wenn Sie das Bauchgefühl haben, mit diesem Kind stimmt etwas nicht, rufen Sie uns an!“ Dagmar Pohl und Susanne Wilms beschwören Eltern und Erzieher, früher den Kontakt zu suchen, wenn ein Kind behindert sein könnte. In ihrer neuen Beratungsstelle am Fahres 18b stellten die zwei Expertinnen von „Menschen im Zentrum“ bei einem Pressefrühstück ihre Offensive vor, die mit Geld der Aktion Mensch und der Stiftung Wohlfahrtspflege gefördert wird, zunächst für drei Jahre.

Wie schwer es ist, sich der Wirklichkeit zu stellen, wissen die Zentrumsleiterin und die Diplom-Sozialpädagogin natürlich. „Die Eltern werden kalt erwischt. Da fließen Tränen. Man will das zunächst nicht wahrhaben“, sagen sie. Die Beraterinnen begleiten die Eltern in der dann folgenden Krisen-Zeit, die ein halbes Jahr dauern kann. Gleichzeitig geht für das betroffene Kind jedoch eine Tür auf. „Es hat jetzt die Chance, so wahrgenommen zu werden, wie es ist.“ Wie leicht Hilfe im Alltag umgesetzt werden kann, zeigt dieses Beispiel. Ein schwer behindertes Kind wurde in einer Einrichtung draußen mit dem Bollerwagen herumgefahren, konnte aber nicht richtig das Geschehen rundum verfolgen. Dagmar Pohl und Susanne Wilms schlugen vor, eine Karre anzuschaffen, in der das Kind aufrecht sitzen kann. „Dem Kind geht’s besser“, wissen sie, auch den Eltern, die Stimmung in der Kita hellte sich auf.

Jahrzehntelange Erfahrung bringen die beiden Frauen mit. Exzellenz kommt aber erst zustande, wenn die eigene Erfahrung ständig infrage gestellt wird. Dagmar Pohl bekennt: „Auch wir verfahren immer auch nach dem Prinzip ’Versuch und Irrtum’.“ Einen Zappelphilipp, der den ganzen Kindergarten aufmischte, bekamen die Expertinnen erst in den Griff, nachdem sie ihm exklusiv einen Melkschemel mit einem Bein spendierten und so seine Unruhe kanalisieren – auf das Halten der Sitzposition. Das sind coole Tricks, aber es gibt auch eine ernste juristische Seite. „Jedes Kind hat Rechte. Jeder Kindergarten muss inkludieren“, sagt Susanne Wilms, also Teilhabe garantieren. Nur mitzulaufen, sei keine Option. Doch das wirft bei Erzieherinnen viele Fragen auf. Welche Therapien sind möglich? Welche Fördermaterialien bekommt man wo? Und vor allem: Wo kommt das Geld dafür her? Die Beraterinnen helfen bei Anträgen. Da sie beide aus der Montessori-Richtung kommen, bedeutet das aber stets: „Helfen um sich selbst zu helfen.“ Susanne Wilms: „Wir wollen uns letztendlich wieder überflüssig machen.“

Bis dahin haben sie noch genug zu tun. 13 Einrichtungen greifen sie zurzeit unter die Arme, auch in Viersen, Willich und Krefeld können sie Hilfe anbieten, mit Heinsberg und Köln sind sie im Gespräch. Kapazitäten sind ausreichend vorhanden, „wir haben ein Riesen-Team von Fachleuten.“

(Report Anzeigenblatt)