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Bis an die Leistungsgrenze

Bis an die Leistungsgrenze
Den Abschluss bildetet eine Kundgebung gegen Massentierhaltung vor dem Brandenburger Tor.
Mönchengladbach. 1.388 Kilometer legte Sabine Wester in den vergangenen zweieinhalb Monaten zurück, um mit einem Marsch gegen Massentierhaltung zu protestieren. Dabei ging sie bis an ihre physischen und psychischen Grenzen – und manchmal auch fast darüber hinaus. Von David Friederichs

An Tag 52 schien alles vorbei. Sabine Wester wollte nicht und sie konnte nicht mehr, war mit ihren Kräften und auch psychisch völlig am Ende. Genau neben ihrem Zeltplatz in Windischeschenbach in der Oberpfalz lag eine Schweinemastanlage, der Anblick der zur Schlachtung vorbereiteten Tiere gab ihr den Rest. „Ich habe geweint, mir ist die Psyche weggeknickt und auch meinem Hund Futzi ging es nicht gut“, erinnert sich Wester. Sie stieg in den Zug und fuhr nach Hause, zurück nach Mönchengladbach, legte sich drei Tage in ihr Bett und versuchte zu schlafen.

Sollte dies das Ende des „Lebenslaufs fürs Leben“ gewesen sein, der mit einer großen Kundgebung gegen Massentierhaltung und Tierversuche vor dem Brandenburgertor in Berlin enden sollte?

Rückblick: Am 1. April macht sich Sabine Wester zusammen mit ihren beiden Hunden Maggie und Futzi auf den Fußweg nach Berlin. Ein „kleiner“ Umweg sollte sie allerdings zuerst über München führen. 20 bis 25 Kilometer wollte sie täglich zurücklegen. „Bis Köln lief auch alles gut“, sagt sie. Doch schnell sollte sie merken, dass es gerade das Wetter nicht gut mit ihr meinte. 28 Kilometer im Dauerregen, eine nicht fahrende Fähre, ein Schneesturm in Crailsheim, ein im Fluss versenkter Rucksack in Donauwörth und zu allem Überfluss ein für eine solche Tour völlig ungeeignetes Zelt - die Umstände waren widrig. Über ihre Facebook-Gruppe hielt sie ihre Freund und Mitstreiter auf dem Laufenden, diese organisierten sogar ein neues Zelt. Aus den anfänglich geplanten 25 Kilometern wurden dann auch einmal 42, das Navi führte sie ein ums andere Mal in die Irre.

Doch waren da auch die vielen positiven Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, Frauen die ihr Mut zusprachen und sie bewunderten, für ihren Ehrgeiz, für ihren Mut. Und die Gespräche über den Grund ihres Lauf, den Protest gegen Massentierhaltung. „Ganz besonders hat mich ein älteres Ehepaar berührt. Sie verzichteten auf Fleisch, zum Unverständnis ihrer Kinder. Nachdem sie von meiner Aktion erfuhren, beschlossen sie spontan, nun auch auf Milchprodukte zu verzichten“, erinnert sie sich.

Wester merkte aber auch, wie sie die Tour veränderte, vielmehr noch, wie ihr optisches Erscheinungsbild ihre Wirkung auf andere wandelte. „Meine Hose war dreckig, meine Schuhe voller Schlamm, ich sah zeitweise aus wie ein Obdachloser - und so wurde ich auch teilweise von den Leuten angeschaut - auf einer Bank am Wegesrand oder im Supermarkt.“

All das zerrte an ihren Energiereserven bis schließlich an Tag 52 das Ende feststand. Nach drei Tagen im Bett aber packte sie der Ehrgeiz, sie wollte es sich und allen anderen beweisen, ihre Aktion durchziehen. Einen ihrer Hunde gab sie nach Köln in Ferien und fuhr nach Altenburg in Sachsen, um sich auf die letzten Etappen der Tour zu machen. Auf den letzten 280 Kilometern gesellte sich Anke Melchior hinzu, die von Grenzach-Wyhlen ebenfalls den Weg nach Berlin auf sich genommen hatte. Zusammen nahmen sie die letzten Hürden bis Berlin, um dort am 18. Juni schließlich die große Kundgebung vor dem Brandenburger Tor durchzuführen. „Mehr als zehn Tierschutzvereine waren gekommen, über 300 Menschen“, erzählt Wester stolz. Ein letztes Mal musste sie alle Kraft und Mut zusammennehmen, um auf der Bühne, die vom Verein Tierversuchsgegner Bundesrepublik Deutschland gesponsert wurde, zu sprechen. „Es war ein voller Erfolg“, sagt sie rückblickend, zu dem auch der Tierrechtsrapper Ifeel beitrug. Und da gab es ja noch die auf der Tour gesammelten Spenden. Insgesamt 2 000 Euro wurden auf fünf Tierschutzorganisationen aufgeteilt.

Wer nun denkt, dass nach einer solchen Anstrengung nun erst einmal Ruhe in Westers Leben einkehrt, sieht sich getäuscht. Zwei bis drei Monate will sie sich im Auslandstierschutz in einem Shelter engagieren, sucht derzeit noch das passende Projekt. Und im kommenden Jahr könnte der „Lebenslauf fürs Leben“ seine Fortsetzung finden. „Eine Küstentour finde ich reizvoll“, so Wester.

(Report Anzeigenblatt)