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David gegen Goliath

David gegen Goliath
Konrad Gockel ist seit Herbst 2014 von der Strom, Gas und Wasserversorgung abgeschnitten. Er wäscht sich mit Billigmineralwasser aus der Flasche. FOTO: Andreas Baum
Mönchengladbach. David gegen Goliath: Der Rentner Konrad Gockel hat sich auf einen Kampf mit der NEW eingelassen, bei dem es ursprünglich einmal um einen niedrigeren Abschlag fürs Gas ging. Inzwischen lebt er seit fast zwei Jahren ohne Gas, Wasser und Strom. Von Ulrike Mooz

In dem Gründerzeithaus von Konrad Gockel ist es dunkel, weil die elektrischen Rollläden nicht mehr hoch gehen. Wenn man den Wasserhahn aufdreht, passiert nichts, und Gekochtes gibt es auch schon lange nicht mehr. Gebadet wird beim Sohn, Wäsche gewaschen im Waschsalon, zu essen gibt es Brote, und die Toilettenentsorgung ist kompliziert. „Den Winter habe ich kaum überlebt bei 5 Grad“, sagt der Pensionär, der in seinem früheren Leben Verwaltungsdirektor war.

Konrad Gockel ist ein ordentlicher Mann, und so hat er handschriftlich über Jahre penibel seinen Energie- und Wasserverbrauch festgehalten. „Irgendwann habe ich beschlossen, nicht mehr so viel Geld für Gas auszugeben, wollte Gas sparen und einen niedrigeren Abschlag“, so Gockel – und zwar so niedrig, dass er genau zu seinem minutiös aufgelisteten Verbrauch passte. „Was hilft es mir, wenn ich im nächsten Jahr eine Rückzahlung bekomme, vielleicht lebe ich dann gar nicht mehr.“

Ein bisschen kam ihm die NEW entgegen - aber nicht genug, fand Konrad Gockel. Er wehrte sich, indem er beschloss, fortan gar kein Gas mehr zu nutzen und kündigte das der NEW auch mehrfach schriftlich an.

Auf seiner letzten Gas-Rechnung vom 21. Mai 2014 hatte Konrad Gockel noch ein Guthaben von 10,54 Euro. „Danach habe ich noch 27 Kubikmeter verbraucht“, sagt er. Nach Adam Riese stand er also etwa bei plus minus Null, als am 30. September 2014 zwei Mitarbeiter der NEW kamen und Gas und Strom abschalteten. „Angeblich sollte ich Außenstände von 618,69 Euro haben, aber das stimmt nicht“, sagt Konrad Gockel. Und laut Gesetz dürfe der Versorger nur sperren, wenn der Kunde mit mindestens 100 Euro in der Kreide stehe, so der gelernte Jurist.

Die 618,69 Euro tauchten dann in späteren Rechnungen auch nicht mehr auf, dafür aber 300 Euro Absperrkosten und nochmal ein Mitarbeiter der NEW, der am 28. November 2014 auch noch das Wasser abstellte. Seitdem ist Konrad Gockel von jeglicher Versorgung abgeschnitten.

Der

Extra-Tipp

hat bei der NEW um Stellungnahme gebeten. Diese beharrt darauf, dass Konrad Gockel mit über 600 Euro im Soll stand, als ihm der Hahn abgedreht wurde. „Dieser Betrag basiert im Wesentlichen auf nicht gezahlten Abschlägen des Kunden“, so die NEW schriftlich gegenüber unserer Zeitung. Abschläge würden als Mischkalkulation berechnet, so die NEW weiter. „Ein Abschlag entspricht deshalb nicht eins zu eins dem tatsächlichen Verbrauch. Der tatsächliche Verbrauch wiederum wird in der Jahresrechnung dargestellt. Diese hat der Kunde am 4. Dezember erhalten, hier wurde ein Schuldenstand von 477,70 Euro ermittelt. Da der Verbrauch des Kunden geringer war als prognostiziert, fällt der Wert geringer aus als im September 2014 in der Sperrankündigung dargestellt“.

Doch das ist die Krux: Konrad Gockel sieht nicht ein, dass er mehr als nur die so genannte Grundgebühr, die Miete für den Zähler, bezahlen soll, wenn er überhaupt kein Gas mehr nutzen möchte. Die 477,70 Euro in der Jahresabrechnung - in der bereits besagte 300 Euro für den Sperrvorgang enthalten sind - sieht er als Beweis dafür, dass die NEW sich verrechnet hat und mit unnötiger Härte vorgeht. „Energiesperren sind aus Sicht der betroffenen Menschen immer tragisch“, sagt Ralf Poll, Geschäftsführer NEW Niederrhein Energie und Wasser. Die NEW sehe den Fall als juristisch eindeutig an.

Dem 75-jährigen Gockel geht indes rein körperlich die Puste aus. „Das Leben hat mich nicht verschont und ich hasse Ungerechtigkeit“, sagt er. Gockel hat inzwischen ein Maklerbüro mit dem Verkauf seines Hauses

beauftragt und möchte wegziehen.

(Report Anzeigenblatt)