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Die Kinder sind unvergessen

Die Kinder sind unvergessen
Sharon und Hussein, Schüler der Europaschule, lesen selbst geschriebene Texte vor, die an das Leid der Kinder in der Anstalt Waldniel-Hostert während der Nazi-Zeit erinnern. FOTO: Klaus Schröder
Hostert (schrö). Schülerinnen und Schüler der Europaschule Schwalmtal haben mit einer rührenden Inszenierung der Jungen und Mädchen gedacht, die von verbrecherischen Ärzten während des Nazi-Reiches in der Anstalt Hostert umgebracht wurden. Von Klaus Schröder

Bittere Kälte fährt den jungen Menschen an diesem Morgen in die Glieder. Sie haben sich mit Anwohnern, interessierten Bürgern, Lehrern und Schülern anderer Einrichtungen an der Gedenkstätte Hostert versammelt. Einfache weiße Holzkreuze sind mit Vornamen beschrieben und weisen auf das Grauen hin, das in der Kinderfachabteilung Waldniel ab 1939 begann. Geistig behinderten und geistig kranken jungen Menschen sollte in solchen Anstalten „der Gnadentod gewährt werden“, die höhnische Formulierung für ein gigantisches Mord-Programm.

Sharon und Hussein lesen einen Dialog vor, der sie beide in diese entsetzliche Zeit zurückversetzt. „Hey, was machst du denn hier?“ „Ich erinnere mich.“ „Warum hier, an diesem Ort?“ „Ja, weißt du das nicht mehr? Da hinten stand doch der große Apfelbaum. Da haben wir uns doch immer mit Michael getroffen.“ „Du meinst den mit den strahlenden blauen Augen?“ „Weißt du noch, die viel zu großen und kaputten Schuhe von Michael?“ „Klar weiß ich das noch, jetzt wo du es sagst. Die sind ihm doch immer verloren gegangen, wenn wir auf den Baum kletterten.“ Michael - dieser Name steht für einen der kleinen Patienten, die durch das Schlafmittel Luminal getötet wurden.

Die vielen Dutzend Besucher stehen starr. Kurz vor Beginn der Gedenkveranstaltung hatte sich ein Anwohner noch darüber Gedanken gemacht, ob man auf diese Art und Weise die Teenager wirklich erreicht. „Die kratzen sich doch nach zehn Minuten am Kopf und fragen sich, was hat das mit mir zu tun?“

Die Klassenlehrerin von Sharon und Hussein und der anderen beteiligten Schüler sieht das ganz anders. Astrid Symanski-Pape organisiert das Gedenken zum vierten Mal. „Die Schüler haben die Texte selbst geschrieben und auswendig gelernt - mit großem Engagement.“

Während der Name „Michael“ für ein wahres Schicksal erfunden wurde, ist Luise der echte Name eines Mädchens. Eine Krankenschwester wollte Luise helfen. „Die Pflegerin fuhr damals mit dem Rad nach Giesenkirchen und erzählte den Eltern, dass sie ihr Kind unbedingt abholen müssten.“ Irgendwie gelang das.

Eine Schülerin, die die Gedenkveranstaltung aktiv vorbereitete, musste sich nicht fragen, was hat das mit mir zu tun? Sie ist eine Verwandte von Luise.

(Report Anzeigenblatt)