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Diese Zahlen sprechen Bände

Diese Zahlen sprechen Bände
Küchenchefin Ella Heiniz gibt mit ihrer Crew täglich rund 50 Mahlzeiten aus. Das ALZ unterstützt unbürokratisch Ratsuchende.
Mönchengladbach. Das Gladbacher Arbeitslosenzentrum (ALZ) wird zunehmend zur „Integrationsagentur“. Warum und weshalb, das erklärten Karl Sasserath und Karl Boland bei der Vorlage der aktuellen „Kundenzahlen“ für 2016. Sasserath leitet die gefragte Einrichtung, Boland ist Sprecher des Trägervereins. Von der Redaktion

Wie wichtig das Zentrum im Quartier ist, machte Sasserath mit Zahlen 2016 deutlich. Aktuellere lägen derzeit nicht vor, so Einrichtungsleiter Karl Sasserath.

Angebot Bewerbungshilfe: Das niederschwellige Angebot unterstützte unbürokratisch 367 Ratsuchende bei der Zusammenstellung von Lebensläufen oder Bewerbungsschreiben. Viele der Arbeitsuchenden besitzen aus Geldmangel keinen Computer – und kommen ins ALZ-Haus. Die Hilfe ist kostenlos, weil die Sparkasse das Angebot fördert, öffentliche Gelder gibt es nicht.

Angebot Mittagstisch: Täglich werden knapp 50 Essen – 2016 rund 10 000 – ausgegeben. Das preiswerte, frisch zubereitete Menü, ist wesentlicher Bestandteil des Begegnungsangebotes im ALZ, das wöchentlich mindestens 30 Stunden frei zugänglich ist. Auffallend: Immer häufiger kommen Langzeitarbeitslose mit gesundheitlichen Einschränkungen und ältere Menschen, die wenig Geld haben, – viele davon aus dem quartiersbezogenen Umfeld der Einrichtung. Die Mittagszeit ist für sie die Gelegenheit zum Kontakt mit anderen.

Angebot Erwerbslosen- und Sozialberatung: Mit 2016 knapp 2 700 Kontakten (persönlich, telefonisch, per Internet) bleibt die Nachfrage hoch. Die vielfältige Hilfe nutzten allein 1 463 Frauen. Mit den 2 700 „Fällen“ nehmen die beiden Mitarbeiter des ALZ einen Spitzenplatz unter den Gladbacher Beratungseinrichtungen ein, betonte Sasserath. Er wies auch darauf hin, dass Gladbach mit über 40 000 Menschen, die auf Hartz IV angewiesen sind, einen traurigen Spitzenplatz in NRW einnehme. Erschreckend auch: Jedes dritte Kind unter 15 Jahren wächst in Gladbach in einem „Hartz-IV-Haushalt“ auf.

Dass das ALZ immer häufiger als eine „nicht anerkannte Integrationsagentur“ erscheint, macht ein Blick in die Flure deutlich. Hier trifft man Afghanen, Syrer, Iraker, Iraner oder Kongolesen – Flüchtlinge, die als Asylsuchende anerkannt sind, die subsidiären Schutz genießen oder die auf Grund der Situation in ihrem Herkunftsland nicht ausreisen müssen. Diese Gruppe sucht in der Stadtmitte-Einrichtung Rat und Hilfe ebenso wie EU-Ausländer (Polen, Griechen, Bulgaren). Letztere sind im Zuge der Freizügigkeit innerhalb der EU nach Gladbach gekommen, arbeiten auf dem Bau oder in Güdderather Logistik-Betrieben. Und sie haben Fragen, weil sie entlassen wurden, die Miete nicht mehr zahlen können und/oder ihre Familie nicht mehr ausreichend versorgt werden kann. ALZ-Sozialarbeiter Julian Strzalla: „Diese Beratung ist angesichts der Fallkonstellation anspruchsvoll, kompliziert und zeitaufwändig.“

Hinzu kommt ein Phänomen, das die Arbeit im ALZ deutlich ansteigen lässt: Die beiden Amtsgerichte Rheydt und Stadtmitte verweisen auf die Hilfeleistung im Zentrum. Beratungshilfe bekommen mittellose Personen; sie gehen damit zu einem Rechtsanwalt, der im Falle einer Verhandlung mit dem jeweiligen Gericht abrechnet.

Neben eine Verbesserung der Beratungskapazitäten forderten Karl Boland, Sprecher des Trägervereins, und Sasserath mehr Angebote zur Integration von Langzeitarbeitslosen in Beschäftigung; dazu gehöre ein öffentlich geförderter Arbeitsmarkt. Beide verwiesen auch darauf: Das ALZ war mit beteiligt an der Gründung eines Arbeitskreises (Gesundheitskonferenz MG), der sich mit der Wechselwirkung von Arbeitslosigkeit und Gesundheit befasst und „Handlungsempfehlungen“ formulieren will. Ein 66-Jähriger, der regelmäßig im ALZ isst, formuliert es aus seiner Sicht: „Kein Job, obwohl du dich darum bemühst, kein Geld, keine Teilhabe, du wirst zum Nichts. Und das macht dich irgendwann krank und kaputt.“

(Report Anzeigenblatt)