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Ein Leben ohne Handy?

Ein Leben ohne Handy?
Etwas widerwillig legt Volontärin Gina ihr Handy für 24 Stunden weg.
Mönchengladbach. Unsere Volontärin Gina Dollen hat eine verrückte Idee: Einmal im Monat wird sie für einen Tag ohne ganz selbstverständliche Dinge wie das Handy, Zucker, Müll oder auch soziale Kontakte, leben. Den Anfang macht ein Tag ohne Handy. Von Gina Dollen

"Das wird schon nicht so schwer werden", denke ich mir, während ich den "Ausschalten" Button auf meinem Handy-display antippe. Vorher noch schnell Whats App, Instagram und Co. gecheckt und weg damit, wir sehen uns dann in 24 Stunden wieder.

Ich schlüpfe in mein Bett, schalte die Nachttischlampe aus und stelle mir den... Moment. Wie zum Teufel soll ich denn morgen ohne mein Handy rechtzeitig wach werden? Da ich keinen "normalen" Wecker habe und mich auch keiner mehr anrufen kann (ein Festnetztelefon habe ich das letzte Mal mit 16 bedient), muss ich mir was einfallen lassen. Kurzerhand klingel ich bei meinen Nachbarn und frage, ob sie morgen um 8 Uhr mal eben bei mir klingeln können. Ein Hoch auf freundliche Nachbarschaft.

Am nächsten Morgen merke ich schon beim Frühstück, dass was fehlt. Normalerweise checke ich jetzt meine Mails, scrolle Facebook durch und lese die Eilmeldungen von SZ und Co.. Irgendwie fühle ich mich extrem uninformiert und habe das dringende Bedürfnis meinen PC anzuschalten.

Nachdem ich den Vormittag mit aufräumen, spazieren und lesen verbracht habe, fange ich so langsam an zu glauben, hier und da meinen Whats App Benachrichtigungston zu hören. Ob das schon Handysucht ist? "Auf keinen Fall", sagt der Experte für Medienabhängigkeit Michael Knothe. "Es geht nicht darum, wie oft man seine Apps benutzt, sondern darum, was man bereit ist dafür aufzugeben." Na ja, aufgeben will ich für mein Handy nichts. Glück gehabt. Aber warum wird man denn so "süchtig" nach dem Handy? Ganz einfach, weil wir uns merken wenn wir belohnt werden. Wenn wir den Handydisplay entsperren und neue Nachrichten oder ein Like bei Facebook sehen, fühlen wir uns belohnt und das möchte man natürlich wiederholen.

Mittags bin ich mit einer Freundin zum Kaffee trinken verabredet. Durch meine Handyabstinenz habe ich ja schon genug von der Welt und meinen Freunden verpasst. Ich schnappe mir mein Fahrrad und radel los. Normalerweise würde ich jetzt Musik hören und vielleicht zwischendurch mal nach neuen Nachrichten schauen. Ob auf dem Weg schon immer dieser coole Oldtimer steht? Und seit wann hat der Laden an der Ecke zugemacht?

Eine Viertelstunde später stehe ich vor dem verabredeten Café – alleine. Ich greife in die Tasche, um zu fragen, wo sie denn bleibt, bis mir einfällt, dass die Option heute wohl ausfällt. Während ich warte, beobachte ich die Menschen um mich herum. Neben mir spielt ein kleines Kind mit seinem Opa, am Tisch gegenüber sitzt ein junges Pärchen – sieht schwer nach erstem Date aus. Was eine schöne und interessante Welt denke ich mir und bin irgendwie froh, dass das Handy, welches jetzt eigentlich meine Aufmerksamkeit bekommen hätte, zu Hause in der Schublade liegt.

Nachdem die Freundin dann doch noch mit den Worten "Ich hab dir geschrieben, dass ich im Stau stehe", angekommen ist, fehlt mir das Handy gar nicht mehr. Ganz ungestört kann ich den Geschichten über alte Schulfreunde und neu entdeckte Schuhe lauschen.

Später am Abend liege ich im Bett und lese ein Buch. Selbst von mir überrascht denke ich mir: "Das mache ich jetzt öfter", und stelle den Retro Glockenwecker, den ich mir heute Mittag gekauft habe.

(Report Anzeigenblatt)