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Ein Stück Freiheit mit dem Rad

Ein Stück Freiheit mit dem Rad
Ob ein wackeliger Sattel, oder wie hier, eine lose Klingel - bei der Initiative Fahrräder für Flüchtlinge wird schnell geholfen. FOTO: FFF Dohr
Rheydt. Ahmed B. aus dem Irak ist seit einiger Zeit in der Alten Schule in Mönchengladbach-Dohr untergebracht. Er nimmt an Deutschkursen teil, ansonsten ist sein Leben nicht sehr ereignisreich. Das Warten auf Anerkennung als Asylbewerber bremst ihn aus. Er deutet auf die Rundung in seiner Körpermitte. „Schlafen, Schule, Essen – Bauch!“ sagt er, und: „Fahrrad ist gut für mich!“ Von der Redaktion

Seit nunmehr vier Wochen können die Bewohner der Alten Schule in Dohr Fahrräder ausleihen, die von einem Team aus Ehrenamtlern aufgearbeitet wurden. Vom guten alten Hollandrad über Trekkingräder, Mountainbikes bis hin zu Kinderrädern – das Angebot ist so breit wie die Spendenbereitschaft in der Gladbacher Gesellschaft. Und die Räder werden wirklich benötigt. Die Kinder im Haus fahren damit zur Schule; die Erwachsenen, die zum Deutschunterricht in die Gladbacher City müssen, sind froh, dass sie jetzt nicht mehr fast eine Stunde mit dem Bus umherschaukeln und zwei Mal umsteigen müssen, sondern in 20 Minuten vor Ort sind. Hinzu kommen die Ämterbesuche und Einkäufe, die mit dem Rad leichter zu bewältigen sind, und das Bedürfnis, sich zu bewegen, die neue Umgebung kennenzulernen – frei zu sein.

„Steffen, kannst Du mal eben hier eine neue Klingel dranmachen?“ – „Jochen, ist das Rad Nummer 10 jetzt wieder ok?“ – „Leonie, bitte geh doch mal mit rauf und lass Dir zeigen, wie Rashid fährt!“ Im Fahrradkeller bricht schnell ein freundliches Chaos aus, wenn der Verleih geöffnet hat. Jeder möchte sich eines der 17 Räder sichern, die der Verleih derzeit anbietet und die jeweils für eine Woche verliehen werden. Jeder Nutzer muss zuerst einmal auf dem Schulhof vorführen, dass er sicher auf dem Rad unterwegs ist – zum Beispiel fahren, bremsen, Handzeichen geben kann. Dann ein bisschen Papierkram erledigen wie Name, Zimmer, Rückgabedatum, das Faltblatt mit den Verkehrsregeln aushändigen, Warnweste und Helm wenn gewünscht – und gute Fahrt! „Die Jungs waren echt begeistert bei der Sache und hatten auch Spaß bei ihren Proberunden auf dem Schulhof“, berichtet die Verleiherin Sylvia Borghoff. Auch wenn es lebhaft bis unübersichtlich zugeht, wenn die Sprachbarrieren hoch sind und die Kommunikation holprig ist – die Stimmung bei allen Beteiligten ist von Geduld und Verständnis geprägt. „Es ist schön zu sehen, wie glücklich die Menschen sind, wenn sie das Fahrrad bekommen und auf dem Schulhof ihre ersten Runden drehen“, schwärmt Leonie Wilms, die bei den Verleihern mithilft.

Das Angebot für ein intensiveres Radfahrtraining, das vor dem Start des Verleihs von der ehrenamtlichen Sportgruppe in Dohr gemacht worden war, fand keine Resonanz unter den Bewohnern der Alten Schule. Bald wurde klar, warum: Die Nutzer sind ausschließlich Männer, die bereits gut fahren können. „Das deckt sich mit den Erfahrungen, die laut ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub) in anderen Städten in NRW gemacht wurden. Auch dort sind es überwiegend die Männer, die Räder nutzen“, sagt Ruth Hobus, die am „Runden Tisch zum Thema Flüchtlinge“ des ADFC teilnimmt. „Um auch Frauen ein Stück Freiheit mit dem Rad zu ermöglichen, werden wir sie demnächst direkt ansprechen und dann in ganz kleinen Gruppen Radfahren unterrichten.“

Auch die Polizei Mönchengladbach unterstützt die Initiative Fahrräder für Flüchtlinge. In Kürze wird sie eine Veranstaltung durchführen, bei der ehrenamtliche Verkehrstrainer geschult werden, die dann an den Flüchtlingsheimen der Stadt Trainings für Neuankömmlinge abhalten können. „Unabhängig davon, wie gut jemand Rad fahren kann, ist es fast unausweichlich, dass es zu Gefahrensituationen kommt, weil der Straßenverkehr bei uns eben deutlich anders als in den Herkunftsländern funktioniert“, so Ruth Hobus. „Wir wollen nicht darauf warten, bis was passiert, wir wollen vorbeugen. Für solche Trainings können wir aus dem gesamten Stadtgebiet noch Unterstützer brauchen.“

Das Ziel, den Zuwanderern Mobilität mit dem Rad zu ermöglichen, findet große Unterstützung: Aus dem ganzen Stadtgebiet waren seit Herbst 2015 gebrauchte Räder gespendet worden; der ADFC stellt Faltblätter mit den wichtigsten deutschen Verkehrsregeln für Radfahrer zur Verfügung, vom ADAC und der Verkehrswacht kamen Warnwesten, die Schüler der Montessori-Schule sammelten Helme. Und schließlich konnten aus Geldspenden Werkzeug und Ersatzteile angeschafft werden.

(Report Anzeigenblatt)