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Jeder Schritt ist eine Qual

Jeder Schritt ist eine Qual
Der dritte Stock mit sechs Treppen ist für den gehbehinderten Andreas Filtmann kaum zu schaffen. Foto. Andreas Baum
Mönchengladbach. Andreas Filtmann ist durch zwei Unfälle schwerbehindert und braucht dringend eine barrierefreie Wohnung. Als Hartz IV-Empfänger ist er da auf die Hilfe des Jobcenters angewiesen. Doch dort scheint der Amtsschimmel nur langsam in Gang zu kommen. Von Ulrike Mooz

Für Andreas Filtmann, 53, ist jeder Schritt eine Qual: links hat der gelernte Pflasterer und spätere Lkw-Fahrer durch einen Unfall ein künstliches Knie, rechts durch einen Sturz eine schwere Verwundung, die jetzt nach fünf Jahren gerade mal knapp verheilt ist. In der Wohnung schleppt er sich von Stuhl zu Stuhl, man merkt ihm an, dass Gehen mit großen Schmerzen verbunden ist. „Ich schaffe es nichtmal, bis zum Bahnhof“, sagt er, und der ist nur rund 200 Meter entfernt. Fünf Jahre lang hat er deshalb, wenn es hoch kommt, einmal im Monat die Wohnung verlassen. „Und dann war jedes Mal die Wunde wieder auf“, sagt Andreas Filtmann.

2008, nur kurz nachdem Filtmann arbeitsunfähig wurde, hatten er und seine Frau Erika, 60, zum ersten Mal die Gelegenheit, in eine Wohnung mit Fahrstuhl, nur wenige Häuser entfernt, umzuziehen. Wer Hartz IV bezieht, braucht dafür das Einverständnis des Jobcenters, doch das hatte es damals offenbar nicht so eilig. Zur Anerkennung der Notwendigkeit einer barrierefreien Wohnung muss neben anderen Bescheinigungen auch ein amtsärztliches Attest her. Und den Termin dafür bekam Andreas Filtmann erst drei Monate später - da war die Wohnung weg.

Jetzt hat das Paar wieder ein Haus gefunden, in dem nur wenige Meter entfernt, gleich zwei passende altengerechte Sozialwohnungen frei wären: eine im dritten Stock mit Aufzug und eine im Erdgeschoss. Doch wieder wiehert der Amtsschimmel: Andreas Filtmann muss jetzt mit einem weiteren Attest beweisen, dass es ihm nicht inzwischen besser geht und er immernoch Anspruch auf eine Wohnung mit Aufzug hat. „Wie soll es mir mit einem künstlichen Knie besser gehen?“ sagt er. Elf mal ist Filtmann über die Jahre schon operiert worden. Und eine weitere OP steht an, weil sich im Knie etwas verschoben hat - unter anderem durch’s Treppensteigen, wie aus einem Schreiben seines Orthopäden hervor geht.

Damit es schneller gehe, könne er auch zu seinem behandelnden Arzt gehen, hat man Erika Filtmann, die trotz eigener gesundheitlicher Probleme alle Erledigungen alleine machen muss, beim Jobcenter vorgeschlagen. Doch aus der Wohnung raus, ins Taxi, zum Arzt und wieder zurück, ist für Andreas Filtmann, wie ein beängstigender Marathon für einen Gesunden.

Er hofft trotz allem, dass man beim Jobcenter nachsichtig ist.

(Report Anzeigenblatt)