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Nächstenliebe mit der Schere

Nächstenliebe mit der Schere
Claudia Wimmer, genannt „Coco“, im Einsatz für die Barber Angels. Auch in Mönchengladbach hat die Friseurin obdachlosen bzw. hilfsbedürftigen Menschen die Haare geschnitten. FOTO: Sabine Bruns
Mönchengladbach. Die Aktion der Barber Angels hätte Edmund Erlemann sehr gefallen. Auf dem nach ihm benannten Platz vor der Citykirche am Alten Markt waren am Sonntag 15 Friseure ehrenamtlich im Einsatz. Und zwar für die Menschen, denen auch die besondere Fürsorge des 2015 verstorbenen katholischen Geistlichen galt: obdachlosen, langzeitarbeitslosen und bedürftigen Menschen. Von der Redaktion

„Geld kann ich nicht spenden“, sagt Claudia Wimmers. „Dafür aber Arbeit in meinem Handwerk und Menschlichkeit.“ Jeden zweiten Sonntag ist die Friseurin ehrenamtlich mit der Schere im Einsatz und beeindruckt neben den auffälligen Tattoos und den lilafarbenen Haaren vor allem durch ihr großes Engagement. Coco, so ihr Name bei den Barber Angels, koordiniert als „Zenturio“ die Einsätze von 40 Friseuren in Nordrhein-Westfalen und stimmt sie mit Veranstaltern und Sponsoren ab.

In Mönchengladbach hat der Sozialdienst katholischer Frauen die Veranstaltung auf die Beine gestellt. In der Citykirche bieten ehrenamtliche Mitarbeiterinnen Frikadellenbrötchen und süße Teilchen an, ein Angebot, das nur zu gerne angenommen wird. Auch im Gotteshaus wird geschnitten und gestylt; ein Rückzugsort für diejenigen, die nicht gern im Mittelpunkt stehen. „Wir sind sehr froh, dass wir die Kirche nutzen können“, sagt SKF-Geschäftsführerin Birgit Kaatz, „schließlich gibt es keinen besseren Ort für tätige Nächstenliebe.“

Draußen vor der Kirche laufen viele Aktionen parallel. Mitarbeiter von Apollo-Optik haben einen Stand aufgebaut und statten die Frischgestylten mit neuen Sonnen- und Lesebrillen aus. Gleich nebenan gibt es Tüten mit Shampoo und Pflegeartikeln als Geschenk für die Kunden.

Die Friseure in ihrem mobilen Salon haben gut zu tun. Als erstes steht bei jedem Kunden Haarewaschen auf dem Programm. Dazu kommen spezielle Hauben zum Einsatz, die unter angenehmer Kopfmassage der Angels waschaktive Substanzen freisetzen. Danach werden Haare geschnitten, Bärte gestutzt, buschige Augenbrauen in Form gebracht.

Aber auch Extravagantes wird professionell erledigt. Heinz Peter Jansen hat eine Langhaarperücke mitgebracht, die dringend Pflege braucht. Er will die blonde Pracht nämlich zum Christopher-Street-Day am 23. Juli in Rheydt tragen. Manuela Hess ist als „Gastengel“ zum ersten Mal dabei und vollbringt an der künstlichen Haarpracht ein kleines Wunder. Die Salon-Inhaberin aus Krefeld ist „total begeistert“ von ihrem Ersteinsatz und will „auf jeden Fall weitermachen“. Beim übernächsten Mal könnten sie dann auch die schwarze Lederkutte der „Barber Angels“ tragen; die Kluft ist Markenzeichen und soll helfen, Berührungsängste bei den bedürftigen Menschen abzubauen.

Aus den Lautsprechern dringt Rockmusik - vielen gefällt es. „Yeah, ein neuer Mensch!“ begeistert sich ein Kunde zu rhythmischen Bewegungen lautstark über seinen raspelkurzen Haarschnitt. Es ist allerdings nicht nur das sichtbare Ergebnis, das neue gepflegte Äußere, das ein besseres Selbstwertgefühl gibt. Viele Kunden genießen auch die Gespräche, den herzlichen, lockeren und zugewandten Umgangston der Barber Angels. Der Friseurbesuch steht bei den Menschen am sozialen Rand der Gesellschaft für Teilnahme am „normalen“ Leben. Die Engel mit der Schere behandeln die Menschen mit Respekt und geben ihnen etwas zurück, das im harten Alltag auf der Straße oft verloren geht: menschliche Würde.

Am 23. September sind die Barber Angel wieder im Einsatz in Mönchengladbach.

(Report Anzeigenblatt)