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Rentner böse wegen Steuern

Rentner böse wegen Steuern
Adolf Lüngen von der Lohnsteuerhilfe hält den anonymisierten Rentenbescheid eines Mandanten hoch. FOTO: schrö
Mönchengladbach. Alles geht nach dem Gesetz, aber immer mehr Rentner werden böse, wenn sie ihre Steuererklärung abgeben und erfahren, wie viel das Finanzamt nachfordert. Wir treffen Adolf Lüngen vom Lohnsteuerhilfeverein an der Bismarckstraße. Von Klaus Schröder

Der 67-jährige Manfred Kocks (Name geändert) fällt aus allen Wolken. Fast tausend Euro soll er fürs vorletzte Jahr an Steuern nachzahlen. Der Rentner mit dem kleinen Ruhegeld hat einen Mini-Job und eine Nebenbeschäftigung angenommen, damit er über die Runden kommt. Nicht nur die Forderung begleichen soll er, sondern in Zukunft auch noch einen vierteljährlichen Abschlag im Vorhinein leisten. Er fragt empört: „Ist das gerecht?“

Erlaubt schon und leider kein Einzelfall. Adolf Lüngen, seit 27 Jahren beim Lohnsteuerhilfeverein, rechnet an einem konkreten Beispiel vor: „Brutto-Rente 14036 Euro in 2015, 8350 Euro Nebenverdienst brutto, Steuer: 926 Euro.“ Solche Aufstellungen schocken Ruheständler. Adolf Lüngen weiß: „Oft reden Arbeitgeber und Arbeitnehmer aneinander vorbei.“ Der Arbeitgeber sagt: „Du darfst hinzuverdienen, was du willst“, und der Arbeitnehmer versteht, „ich muss nichts versteuern.“ Dabei wird nur die Altersrente vor Abschlag geschützt, aber nicht die Zusatzverdienste vor Abgaben. Und die Rente versteuern müssen Ruheständler auch. „Bei Renteneintritt 2016 72 Prozent, 2020 80 Prozent und 2025 85 Prozent.“ Nur eins bleibt bei dem Paket Rente plus Nebenbeschäftigung ungeschoren: „Der 450-Euro-Mini-Job.“ Adolf Lüngen macht sich Sorgen: In Mönchengladbach nimmt nach seiner Ansicht die Zahl der kleinen Renten im Vergleich zu. Oft denke er: die arme Seele, der tun die Forderungen des Finanzamtes richtig weh. Und weniger werden diese armen Seelen sicher nicht. Wenn er nur an die vielen Zeitarbeiter denke, die so kleine Einkommen erwirtschaften, dass erstens nicht Riesensummen in die Rentenkasse eingezahlt werden und andererseits kein Spielraum bleibt, privat vorzusorgen. In einem bekannten großen Betrieb arbeiteten etwa Zeitarbeiter jahrelang für die Hälfte des Lohns, den ihre fest angestellten Kollegen erhielten.

Der Rentner Manfred Kocks hat unterdessen das Unabwendbare akzeptiert. Um die Steuerschuld bezahlen zu können, muss er seine Rücklage flüssig machen. „Die hatte ich angespart für unvorhergesehene Ausgaben.“

(StadtSpiegel)