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Selbstversorgerhof mit Herz

Selbstversorgerhof mit Herz
Martin Schreder und die vier Monate alte Hündin Ophelia – sie wird später mal Blindenhund. FOTO: Leonie Seidel
Rickelrath. Hühner, Pferde, Ziegen, Kaninchen, jede Menge Pflanzen und noch viel mehr – das alles gibt es auf dem Selbstversorgerhof „Die Kleine Farm Rickelrath“. Da seine Frau morgens zur Arbeit muss, schmeißt der blinde Martin Schreder den Hof tagsüber mit etwas tierischer Hilfe alleine. Von Gina Dollen

Gackernde Hühner, die bimmelnden Glöckchen der Ziegen und ein quirliger kleiner Hund, der einen wie einen alten Freund begrüßt. Schon beim Ankommen auf der „Kleinen Farm Rickelrath“ scheint jeglicher Stress verschwunden. „Die Atmosphäre hat ein bisschen was von Urlaubsstimmung. Hier ist man einfach geerdeter“, erzählt Hofchef Martin Schreder. Der gelernte Gärtner ist vor über zehn Jahren erblindet. Statt nach diesem Schicksalsschlag aufzugeben, hat er in dem damals noch sehr heruntergekommenen Hof und seiner Frau Christiane eine Aufgabe und neue Kraft gefunden. „Eigentlich wollte ich nur meine Pferde zu Hause haben und dann ist das alles irgendwie zum Selbstläufer geworden“, erzählt er schmunzelnd.

Mittlerweile leben neben Hühnern, Enten, Puten, Kaninchen, Ziegen und Katzen auch Hunde und Pferde auf dem Hof. Das Besondere: es sind Blindenhunde und ein Blindenpferd. Die helfen Schreder durch seinen Alltag, heben Dinge auf und zeigen den Weg. Viele der Tiere und Pflanzen auf dem Hof stehen auf der roten Liste und sind vom Aussterben bedroht. Das möchte die Familie verhindern. Sie leben nicht nur zu fast einhundert Prozent „aus dem eigenen Garten“, sondern verkaufen zum Beispiel auch seltene Kaninchen und Hühnerarten.

Zu einem Leben als Selbstversorger gehört nicht nur das Ernten von Obst und Gemüse, sondern auch das Schlachten. „Das ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber wenigstens weiß ich, dass sie ein gutes Leben hatten“, sagt Martin Schreder. Weiter hinten bei den Ziegen gibt es sogar eine Backstube mit Steinbackofen.

Auch im Winter muss die Familie, außer für Dinge wie Zucker, in keinen Supermarkt. Durch einfrieren und einwecken der Lebensmittel könnten sie einen kompletten Ernteausfall überbrücken. Wie man das schafft und einen solchen Hof führt, haben sie sich selber beigebracht. „Ausgelernt hat man, wenn alle Finger gleich lang sind“, scherzt Martin Schreder. So gibt es immer wieder neue Projekte, wie etwa den blindengerechten Heilpflanzengarten mit einer Fühltafel oder die jetzt ganz neu geplante Orangerie.

„Mein Blindenverein sprach mich irgendwann an, ob man nicht mal ein Seminar auf dem Hof machen könnte“, erzählt Schreder und so entstand die Idee, Kurse anzubieten und das Selbstversorgerwissen weiterzugeben. Darunter sind auch Kurse für Blinde. „Es ist total schön, wenn man sieht wie Leute neuen Mut finden oder einfach mit den Dingen weiter machen, die sie hier lernen“, freut sich Martin Schreder.

Wer möchte, kann sich den Hof bei der offenen Gartenpforte am 17. und 18. September einmal selbst anschauen.

(Report Anzeigenblatt)