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Tomaten, Zwiebeln und ein nettes Wort

Tomaten, Zwiebeln und ein nettes Wort
Mit den Menschen klar zu kommen, betrachtet Annemarie Groterath als Talent, das in der Familie liegt. FOTO: Andreas Baum
Mönchengladbach. In unserer Weihnachtsserie „Engel des Alltags“ stellen wir Menschen vor, die da helfen, wo Not ist. Annemarie Groterath ist eine der Ehrenamtlerinnen, die die Tafel erst möglich machen. Nicht die, die am längsten dabei ist, aber mit Sicherheit die Älteste. Von Ulrike Mooz

Kurze graue Haare, ein Augenzwinkern und eine Menge Pack-an: Annemarie Groterath steht jeden Mittwoch und Freitag zwischen grünen Plastikkisten und sortiert die Lebensmittelspenden, die die Tafel an diejenigen ausgibt, die nicht so viel haben. Dass sie selbst auch nur eine eher knappe Rente bekommt und mit 85 die älteste der Tafel-Ehrenamtler ist – für die rüstige Gladbacherin keine Gründe, auf Ruheständler zu machen.

Mit den Menschen gut klar zu kommen betrachtet Annemarie Groterath als Familien-Gabe. Die Bedürftigen sind für sie Kunden, genauso, wie diejenigen, die sie seinerzeit im familieneigenen Kohlenhandel bedient hat: früher gab’s Briketts in die Tasche, heute eben Zwiebeln und Tomaten – und ein freundliches Wort. Dass da auch schon mal gegrantelt wird, nimmt die Seniorin gelassen. Dafür gibt es andererseits auch als Dank hier und da ein selbst gemaltes Kinderbild und das Gefühl, gebraucht zu werden.

„Bei uns weiß jeder, was er tun muss, da muss niemand Anweisungen geben“, sagt sie. Seit zehn Jahren sortiert Annemarie Groterath Brot in Geschnittenes, Toast, Dunkles und Teilchen, macht Tüten fertig für muslimische Mitbürger ohne Schweinefleisch, für alte Menschen mit weichen Brotsorten und für die AIDS-Hilfe mit Lebensmitteln, die noch mindestens zwei Tage haltbar sind.

Mit 20 anderen Ehrenamtlern bringt sie eine Struktur in all’ das, was die vier Lieferwagen der Tafel am Fleenerweg abladen. Manchmal sind sogar Blumen dabei, Waschmittel, Katzenfutter oder Babyartikel, die dann ans Frauenhaus gehen.

Den Kunden gibt sie schon mal Koch- und Küchentipps, zum Beispiel dass Kohlrabi gar nicht so schlecht schmeckt, wenn man ihn schält, bevor man ihn kocht, oder dass die dunklen Dinger im süßen Brötchen kein Gemüse, sondern Rosinen sind.

Seit ein paar Monate stellen sich auch Flüchtlinge von der benachbarten Flüchtlingsunterkunft an. „Die kennen manche unserer Lebensmittel nicht, zum Beispiel die Brötchen“, weiß die Ehrenamtlerin. Macht aber nichts, da gibt’s eben was anderes.

(Report Anzeigenblatt)