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Verheizte Heimat - hautnah

Verheizte Heimat - hautnah
Thomas Milika (l.) und Oliver Kanneberg machen monatlich Führungen. An Hand eines Lageplanes zeigen Kanneberg und Milika am Standort der künftigen Grubenmitte, wo die Menschen nach der Umsiedlung wohnen werden. FOTO: Heinz-Gerd Wöstemeyer
Erkelenz-Kuckum. Der Geograf Thomas Milika und Oliver Kanneberg, ein von der Umsiedlung Betroffener aus dem Umsiedlungsort Kuckum haben es sich zur Aufgabe gemacht, in monatlich stattfindenden Exkursionen den allmählichen Verfall der Braunkohle-Dörfer zu zeigen. Die Teilnahme ist kostenfrei. Von Heinz-Gerd Wöstemeyer

„Ich bin überwältigt, dass so viele Menschen gekommen sind“, sagt Oliver Kanneberg, dem das rege Interesse an seinem Heimatort Kuckum sichtlich gut tut. Zusammen mit dem Geografen Thomas Milika begrüßt er am letzten März-Sonntag mehr als 70 Besucherinnen und Besucher zur ersten selbst ausgearbeiteten Exkursion. Sicher trage das herrliche Frühlingswetter dazu bei, dass die Führung so gut frequentiert ist, vermutet Kanneberg. „Wir wollen den langsamen Verfall zeigen mit all’ den einhergehenden Beeinträchtigungen für Mensch und Natur“, erklärt Thomas Milika. Von sofort an werde die Veranstaltung jeden Monat am letzten Sonntag um 11 Uhr angeboten, so Milika „so lange, bis der Braunkohlebagger hier steht.“ Der Weg führt durch die todgeweihten Orte Kuckum, Unterwestrich und Keyenberg, an Oberwestrich und Berverath vorbei. Der Umsiedlungsprozess dauere 15 Jahre vom ersten Hausverkauf bis zur letzten Umsiedlung, sagt Oliver Kanneberg und deutet damit an, was den betroffenen Menschen abverlangt wird. „Schließlich sind ja nicht alle im jugendlichen Alter von 25 Jahren“, gibt er zu bedenken, „gerade für die Menschen im fortgeschrittenen Alter, die hier fest verwurzelt sind, ist es sehr sehr schwer.“ Thomas Milika weist auf die Grundwasserproblematik hin: „Die Quellen unserer Niers sind ja schon vor Jahren trocken gefallen.“ Teilnehmer Lars Zimmer ist einer der letzten Einwohner in Alt-Immerath. Das Geisterdorf steht ebenfalls auf dem Besuchsprogramm. Zimmer hat sich bis zuletzt gesträubt, mit seiner Frau und den Kindern den Heimatort zu verlassen. „Das Drama hier ist keinem so richtig bewusst“, ist er überzeugt, „deshalb freue ich mich, dass es diese Exkursionen gibt.“ Friedel Jansen aus Schelsen ist mitgegangen, weil er wissen will, was in seiner Umgebung passiert: „Wir sind schließlich auch betroffen, denn Schelsen und auch die ganze Stadt Mönchengladbach sind gar nicht so weit weg.“

(Report Anzeigenblatt)