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Der siebte Teil unserer Weihnachtsserie: Besuch in der Justizvollzugsanstalt Willich I
Weihnachtsblues hinter Gittern

„Wir öffnen ein Türchen“, heißt die gemeinsame Weihnachtsserie von Stadt Spiegel und Extra Tipp. Was bei diesem Teil der Serie nicht wörtlich zu nehmen ist. Denn Redakteurin Claudia Ohmer durfte hinter verschlossenen Türen erfahren, wie Weihnachtszeit in der Justizvollzugsanstalt Willich I begangen wird. Von David Friederichs

Kreis Viersen (co)

. „Die Zeit rund um das Weihnachtsfest ist eine wehmütige Zeit hier in der JVA, eine Zeit, die sehr weh tut und in der die Seelen wund sind“, weiß der evangelische Geistliche Lutz Aupperle. Er ist gemeinsam mit dem katholischen Pfarrer Ralph Kreutzer in der Justizvollzugsanstalt Willich I für die rund 400 Inhaftierten als Seelsorger ein Ansprechpartner. „Bei einem Gespräch erzählte mir ein Häftling, dass er in dieser Zeit Radio und Fernseher nicht einschaltet, um dieser Glanz- und Glitzerzeit zu entgehen“, sagt Aupperle.

Der Inhaftierte Jochen Z. (Name von der Redaktion geändert) nickt zustimmend. Er kann dies gut verstehen: „Es ist ja prinzipiell nicht schön im Gefängnis, doch zur Adventszeit ist es noch schwerer, da der Kontakt zur Familie fehlt, das Getrennt-Sein fühlt man noch stärker“, sagt der vierfache Familienvater. Doch mit anderen Inhaftierten versuche man die schwere Gemütslage aufzufangen durch Gespräche. Für Besuch und Gespräch beim Mitgefangenen bleiben in der Regel drei Stunden täglich Zeit. „Da gibt es doch das Gespür für den Weihnachtsblues des anderen, für den, dem es noch schlechter geht“, ergänzt Jochen Z. Zudem gebe es ja zwei gute Seelsorger, die auch zeitnah ansprechbar seien.

Ungewöhnlich: Auch in der Beengtheit der Haft haben einige festgestellt, dass es anderen Menschen außerhalb noch schlechter geht und eine Spendenaktion gestartet. Rund 1 200 Euro haben die, die eh nicht viel haben, zusammengetragen für action medeor und die Flüchtlinge in Syrien und dem Irak. Und auch vom Weihnachtsbasar, den beide JVAs im Museum veranstaltet haben, geht der Erlös der verkauften, in der JVA gefertigten Waren und Dekoartikel von 2 500 Euro an diese Aktion.

Apropos Deko: Auch im Strafvollzug ist es möglich, sich in Arbeitskreisen zu engagieren und so auch bei der Dekoration des gefängniseigenen Kirchenraumes zur Weihnachtszeit zu helfen. Hier steht auch der Strafgefangene Jochen Z., der die Tätigkeit des Küsters übernommen hat, an vorderster Front. Er deutet auf die rechte Seite des Chorraums: „Dort bauen wir einen vier Meter hohen Baum mit vielen bunten Paketen darunter auf, da links kommen mehrere kleine Tannenbäume hin, die die Krippe einrahmen.“ „Die Krippenfiguren wurden übrigens mal von Inhaftierten geschnitzt“, erläutert Ralph Kreutzer. Der katholische Seelsorger besteht auch beim ökumenischen Gottesdienst, der an Heiligabend gestaltet wird, auf die Weihnachtsgeschichte nach Luther. „Das muss irgendwie für mich sein“, lächelt er. Aber auch sonst gibt es einige Gottesdienste in der Vorweihnachtszeit, die von rund 15 Prozent der Strafgefangenen besucht werden.

Es wird gebetet und gesungen in dem rund 500 Quadratmeter großen Kirchenraum. „Das kann auch Hoffnung geben und der Seele gut tun“, so Jochen Z. „Von der siebeneinhalb Quadratmeter kleinen Zelle in diesen großen Raum, das ist schon ein Unterschied.“ Während der Gottesdienste sei auch eine hohe Aufmerksamkeit und Ruhe spürbar, berichten die beiden Seelsorger. Lutz Aupperle: „Wir versuchen ein gastfreundlicher Ort zu sein, wo die Männer auf andere Gedanken kommen können. Das ist wichtig, nicht nur in der Adventszeit.“

Natürlich habe Weihnachten in der JVA auch eine materielle Seite, weiß Kreutzer. So werden die zum Weihnachtsfest von den Angehörigen verschickten Pakete ungeduldig hinter den Mauern der JVA erwartet. „Wir packen ein Paket für die, die keine Angehörigen haben. Denn niemand soll mit gar nichts dastehen“, so Kreutzer weiter. Für rund 30 Häftlinge gibt es dann Pakete, die durch „treue und großzügige Spender“ mit Tabak, Kaffee, Christstollen oder auch Spekulatius gefüllt werden können.

Außergewöhnlich sind auch die Weihnachtstüten, die mit Kleinigkeiten gefüllt sind, und die alle rund 400 Inhaftierten bekommen. „Das ist eher symbolisch von der Kirche her zu verstehen - ’wir vergessen euch nicht’“, erklärt Pfarrer Kreutzer. „Und es ist besonders schön, dass die Tüte jedem von uns persönlich von den beiden Pfarrern überreicht wird“, fügt der Inhaftierte Jochen Z. hinzu.

(Report Anzeigenblatt)