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Zukunft ist nicht mehr fern

Zukunft ist nicht mehr fern
Treffer! Das Bild, das auf dem Fernseher zu sehen ist, sehe ich auch durch mein Mixed-Reality-Headset. Den Fernseher jedoch sehe ich nicht.
Mönchengladbach. Virtual oder Mixed Reality sind bisher noch Felder, in denen sich nach Meinung vieler nur „Freaks“ aufhalten. Doch wird die virtuelle Welt bald Einzug in die Realität halten. Ganz vorne dabei sein will die Mönchengladbach Digitalagentur Recordbay. Von David Friederichs

Torwandschießen auf einem Hinterhof oder dem Mount Everest? Gamer wird diese Aussage alleine sicherlich nicht von den Sitzen reißen. Doch das, was in der vergangenen Woche die Firma Recordbay präsentierte, hebt das Torwandschießen auf eine andere Ebene.

Etwas ungewohnt ist es schon, als ich das Mixed-Reality-Headset aufsetzen. Zwar bekam ich zuvor schon ein wenig Anschauungsunterricht bei einem Kollegen, doch was mich wirklich erwartet, merke ich erst, als ich in die virtuelle Welt abtauche. Bis auf die Geräuschkulisse aus dem Hintergrund bekomme ich von der Außenwelt nichts mehr mit. Egal wohin ich meinen Kopf drehe, ich befinde mich auf einem dunklen Hinterhof, der mir das Gefühl gibt, mitten in der Bronx zu stehen. Ein paar Meter vor mir befindet sich eine besprayte Torwand, ganz unten im Sichtfeld baumelt ein Fuß mit dem ich gleich auf die Torwand schießen soll. Okay, es ist natürlich nicht mein eigener Fuß und er reagiert auch nicht, wenn ich eine Schussbewegung mache. Aber dafür habe ich ja einen Controller in der Hand, den ich einfach nur von hinten nach vorne bewegen muss, um zu schießen. Einfach nur? Naja so einfach ist es nicht, Geschwindigkeit und Richtung erfordern schon ein wenig Feingefühl. Irgendwann aber habe ich den Dreh einigermaßen raus, auch wenn bei weitem nicht jeder Versuch ein Treffer ist. „Mach das nochmal“, höre vom Fotografen aus dem Hintergrund, nachdem ich „mal wieder“ getroffen habe. „Nächster Versuch“, denke ich mir, schließlich soll das Erfolgserlebnis ja im Bild festgehalten werden. Dass er mich dabei nur auf den Arm nimmt, merke ich erst später - aber so ist das halt, wenn man visuell völlig in die virtuelle Welt abtaucht.

Dass es aber auch einem Mischung aus virtuelle Welt und Realität geben kann, wird beim nächsten Headset deutlich. Ich sehe den Raum und alle Anwesenden, aber dann sitzt da plötzlich King Kong im Eingang, ein Clown steht im Raum und am Tisch, an dem die Kollegen stehen, bin ich geneigt, die Kerze auf der Tore auszublasen. All das sehe aber nur ich, nur meine Welt wird um diese zusätzlichen Objekte angereichert.

„Mixed-Reality ist eine Zukunftsplattform. Die wird die Art des Arbeitens verändern“, ist sich Lars Reinartz, Geschäftsführer bei Recordbay, sicher. Mit Zukunft meint er dabei aber nicht „in 20 Jahren“, sondern die nahe Zukunft, vielleicht schon in drei oder fünf Jahren. Und beim Gestalten der Zukunft will das Mönchengladbacher Unternehmen, das mittlerweile im Nordpark sitzt, dabei sein. „Der High-Tech-Markt bietet riesige Chancen auch für Mönchengladbach“, so Reinartz. Und dass man in diesem Bereich schon jetzt mit Recordbay ganz vorne dabei ist, zeigen die Mixed-Reality-Headsets. Schließlich ist Recordbay nur eines von vier deutschen Unternehmen, das für die Headsets von Microsoft Anwendungen entwickelt, wie das Torwandschießen. Wie schnelllebig diese Branche ist, zeigt auch der Entwicklungsprozess. Mitte des Jahres hatte man sich bei Microsoft für das Projekt beworben, auf der Gamescom im September den Kontakt intensiviert und nur vier Wochen später war das Spiel fertig.

Der Bereich „Games“ ist aber nur eines von zahlreichen Geschäftsfeldern, in denen Virtual Reality und Mixed Reality in Zukunft Einzug halten werden. Schließlich wird der Markt alleine im Bereich Virtual Reality bis 2025 nach Schätzungen von Goldman Sachs rund 110 Milliarden Dollar schwer sein. So könnte die Technik in Zukunft bei der Reparatur von Turbinen zum Einsatz kommen, in der Gehirnchirurgie könnten 3D-Modelle einen deutlichen Mehrwert im Gegensatz zu den bisherigen Ausdrucken bieten. Auch der Bereich der Online-Shops könnte durch die neue Technik revolutioniert werden.

Bereits in weinigen Jahren könnte sich auch die Kommunikation völlig ändern. „Während wir heute noch über Skype mit dem Kollegen von Microsoft in den USA kommunizieren, könnten wir uns schon bald in einem virtuellen Büro treffen“, ist sich Reinartz sicher.

Ähnlich dem virtuellen Markt ist auch Recordbay in den vergangenen Jahren schnell gewachsen. Angefangen als reine Musikproduktion 1999, sprang man von rund sechs Jahren auf den High-Tech-Zug auf und vergrößerte sich so auf heute 35 Angestellte. Zu den Kunden von Recordbay gehören unter anderem Henkel, Sony, Schwarzkopf, Airbus, Bayer oder Borussia Mönchengladbach.

(Report Anzeigenblatt)