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Wer im Notfall näher dran ist, fährt

Wer im Notfall näher dran ist, fährt
Jessica Vogel brauchte zur Fahrt ins Krankenhaus einen zweiten Krankentransport. FOTO: Andreas Baum
Korschenbroich. Die Korschenbroicherin Jessica Vogel ist schwer erkrankt und deshalb an den Caritas-Hausnotruf angeschlossen. Doch als sie mit diesem in ein Mönchengladbacher Krankenhaus fahren wollte, erlebte sie eine Überraschung: den Transport von hüben nach drüben verhinderte eine bürokratische Vorschrift. Von Ulrike Mooz

Jessica Vogel ist seit Jahrzehnten an Multipler Sclerose erkrankt und hat mittlerweile die Pflegestufe II. „Aber an manchen Tagen fühle ich mich total stark“, sagt die Mittvierzigerin. An solchen Tagen traut sie sich schonmal alleine auf die Terrasse, die durch einige Stufen von der Terrassentür getrennt ist. Es war an einem normalen Wochentag im Februar, als sie ihren Rollator in der Tür stehen ließ, ohne Hilfe die Stufen runter ging - und fiel.

„Sowas ist schon öfter passiert“, sagt ihre Mutter, Helgard Mierczuk. Deshalb ist ihre Tochter an den Caritas-Hausnotruf Mönchengladbach angeschlossen und trägt seit einiger Zeit einen Notrufsender für Notfälle. Mit dieser Einrichtung ist die Familie sehr zufrieden. Auch in dem Fall Mitte Februar half die Caritas und rückte mit einem Krankentransportfahrzeug und zwei Sanitäterinnen aus. Die stellten vor Ort fest, dass Jessica Vogel sich die Hand gebrochen hatte und ins Krankenhaus musste.

Doch dann wurde es für die Korschenbroicherin skurril: Für die Fahrt ins Krankenhaus Neuwerk müsse ein extra Krankenwagen bestellt werden, erfuhren Jessica Vogel und ihre Mutter. Der Caritas sei es nicht erlaubt, die Ortsgrenze Rhein-Kreis Neuss und Mönchengladbach für Krankentransporte zu queren. „Ich hab mich so darüber geärgert“, sagt Helgard Mierczuk, die sich auch Sorgen darüber macht, was denn gewesen wäre, hätte ihre Tochter etwas Lebensbedrohliches gehabt.

Extra-Tipp fragte bei der Caritas nach, warum der Hausnotruf „grenzübergreifend“ arbeiten dürfe, ein Krankentransport aber nicht drin sei. Den ersten Teil der Frage bekam Extra-Tipp umgehend beantwortet.

Waltraud Grusemann, Pflegedienstleiterin bei der Caritas in Mönchengladbach, erklärt: „Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Kirchenkreis und den eigentlichen Ortsgrenzen“. Der Hausnotruf sei im Kirchenkreis Mönchengladbach im Einsatz, da gehöre Korschenbroich dazu. Für Fragen des Krankentransportes verwies sie an den Deutschen Hilfsdienst, mit dem die Caritas eng zusammen arbeite. Der wiederum erklärte das Referat für Gefahrenabwehr des Rhein-Kreises Neuss für zuständig. Und hier brachte Marc Zellerhoff, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes, endlich Licht in die Angelegenheit: Es gehe weniger um die Ortsgrenze, als darum, dass es sich nicht um einen qualifizierten Krankentransport mit einer entsprechenden ordnungsbehördlichen Transportgenehmigung gehandelt habe, so Zellerhoff. „Natürlich haben wir Zuständigkeitsgrenzen, im Notfall überfahren wir solche Grenzen aber - regelmäßig.“ Wer in Korschenbroich die 112 wähle, lande automatisch in der Leitstelle des Rhein-Kreises Neuss und der schicke ohnehin, den Krankentransport los, der näher dran sei - egal aus welchem Gebiet.

Der Hausnotruf dagegen sei lediglich qualifiziert, eine Erstversorgung zu machen. Natürlich hätte aber auch niemand dem Hausnotruf „einen Strick daraus gedreht“, wenn er in einem Notfall die Initiative ergriffen hätte. Solche Fälle hatten wir auch schon, sagt Marc Zellerhoff, und kann sich zum Beispiel an eine Geburt erinnern, die schneller ging, als erwartet. In solchen Fällen gehe es um Sorgfaltspflicht und Abwägung.

(Report Anzeigenblatt)