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Besuch in der Händelstadt

Halle. Händelfestspiele, Opernhaus, Kulturinsel, Museen, Burgen, viel Historie und interessante Ausflugsziele im Grünen – Halle an der Saale liebäugelt zu Recht mit einer Bewerbung für den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025. Von Christiane Samuel

Auf dem Marktplatz im Zentrum von Halle herrscht immer ein gewisser Trubel – an vielen Wochenenden finden hier Feste und Veranstaltungen statt. Hier treffen sich die Menschen in den Cafés und Restaurants mit Blick auf den mächtigen Roten Turm mit seinem Glockenspiel, auf die viertürmige Marktkirche, das neogotische Stadthaus und das rote Marktschlösschen, einem unter Denkmalschutz stehenden Renaissance-Bau. Und hier steht auch das große Händel-Denkmal, denn Halle ist die Geburtsstadt von Georg Friedrich Händel. Die seit 1922 stattfindenden Händel-Festspiele sind das größte Musikfest des Landes Sachsen-Anhalt.

Zwischen Rathaus, Händel-Denkmal und Marktkirche findet sich unterirdisch direkt unter dem Marktplatz eine für eine deutsche Großstadt einmalige Situation: Hier verläuft die sogenannte Hallesche Marktplatzverwerfung („Halle-Störung“), die zur Entstehung der bekannten Solequellen der Stadt führte. Durch den Glasdeckel eines „Geoskops“ (ein Edelstahlkasten über einer mehrere Meter tiefen Schachtung) kann man den unterirdischen Verlauf der Verwerfung über eine Länge von einigen Metern betrachten.

Entscheidend geprägt wird Halle von der Saale, die die Stadt von Norden nach Süden in zwei Hälften teilt, zum Teil mit vier Armen parallel. Dadurch bilden sich sechs größere innerstädtische Flussinseln – auch das ein besonderes Merkmal von Halle.

Am linken Ufer der Saale, direkt gegenüber der Burgruine Giebichenstein, befindet sich das bekannte Gartenlokal „Im Krug zum grünen Kranze“: Seine Entstehungsgeschichte reicht bis in die Zeit nach den napoleonischen Befreiungskriegen. Hier verkehrten schon die Gebrüder Grimm und Freiherr von Eichendorff. Außerdem entstanden an diesem Ort viele populäre Volkslieder wie „Im Krug zum grünen Kranze“, „Das Wandern ist des Müllers Lust“ oder „Am Brunnen vor dem Tore“. Ich genieße hier die besondere Atmosphäre eines lauen Sommerabends mitten in einer Großstadt und gleichzeitig auch mitten in der Natur.

Zum Übernachten wählen wir das einige Kilometer außerhalb liegende Schlosshotel Teutschenthal mit seiner bewegten Geschichte. Es liegt idyllisch in einem 18 Hektar großen, gepflegten Park mit historischem Baumbestand und ist seit 1883 der Familiensitz der Familie Wentzel. Der 1876 geborene Carl Wentzel verabscheute Hitler und seine Helfershelfer leidenschaftlich und hielt mit seiner Ansicht nicht hinter dem Berge. So wurde Schloss Teutschenthal Treffpunkt des Reusch-Kreises. Hier entwickelte Goerdeler, als Kopf der Oppositionsgruppe, seine innen- und außenpolitischen Pläne für die Zeit nach einem Staatsstreich gegen Hitler. Die geheimen Zusammenkünfte wurden verraten und Carl Wentzel nach dem unglücklichen Ausgang des Hitlerattentates am 20. Juli 1944 in Möllendorf verhaftet, wegen Hochverrates zum Tode verurteilt und am 20. Dezember 1944 in Plötzensee hingerichtet. Die Familie Wentzel wurde enteignet, Ehefrau und Sohn durch die Nationalsozialisten ins Konzentrationslager verschleppt.

Nach der Wiedervereinigung wurde etwa die Hälfte des einst über 8 000 Hektar großen Landbesitzes an seine Enkel, Carl-Friedrich und Carl-Stefan Wentzel, rückübertragen. Regelmäßig übers Jahr verteilt finden hier heute Konzerte, Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen statt.

(Report Anzeigenblatt)