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Mit der Vergangenheit reisen

Mit der Vergangenheit reisen
Volontärin Gina Dollen vor der imposanten Dampflok
M’gladbach/Marburg. Zug fahren - für viele Pendler das Normalste der Welt. Doch die Reise, auf die sich Volontärin Gina Dollen begeben hat, ist anders. Mit „Nostalgiezugreisen“ und „Rheingold“ hat sie sich auf den Weg zum Marburger Weihnachtsmarkt gemacht. Von Gina Dollen

Samstag Morgen, sieben Uhr. Noch ziemlich verschlafen stehe ich am Mönchengladbacher Hauptbahnhof und blinzel auf die Gleise. Dick eingepackt in Schal und Winterschuhe freue ich mich schon darauf, aus dem usseligen Wetter in den warmen Zug steigen zu können. Neben mir schaut ein kleiner Junge gebannt in die Ferne. „Wann kommt er denn endlich?“, fragt er seinen Papa aufgeregt. Mit „er“ meint er den Nostalgie-Zug von Rheingold, der uns heute mit einer alten Dampflok aus dem Jahr 1935 bis nach Marburg bringen wird. Mit Waggons aus den verschiedensten Jahrzehnten treten wir eine ganz spezielle Reise in die Vergangenheit an.

Kurze Zeit später fährt der imposante Zug in den Bahnhof ein. Durch die Fenster kann man alte Tische und Stühle erahnen, auf einem der Wagen steht in großen Druckbuchstaben: „Deutsche Reichsbahn“. Durch einen kleinen Gang gelangen wir zu unserem Abteil, abgetrennt durch eine schwere Schiebetür. Dahinter warten, schon fast an Omas Ohrensessel erinnernde, Sitze und eines dieser Schiebefenster, die man aus Filmen kennt. Aus solch einem wollte ich mich immer schon mal rauslehnen und winken.

Um acht Uhr geht es zum Frühstück in den Gesellschaftswagen. Eine kleine Schirmlampe wirft dämmriges Licht auf Kaffee und Brötchen, während draußen ganz langsam die schöne Landschaft, die unsere Strecke ausmacht, sichtbar wird. Schon fast surreal wirkt es, wenn draußen ein modernes Auto vorbeifährt, fühlt man sich doch wirklich wie in eine andere Zeit versetzt. Der Speisewagen von 1928 ist einer von fünf, die es überhaupt noch gibt, sogar der einzige der noch fährt.

„Wir investieren alle viel Zeit, Herzblut und Geld, um das hier anbieten zu können. Das meiste ist Handarbeit, viele Ersatzteile extrem selten geworden“, erklärt Zugführer Sönke Windelschmidt. Alle Mitarbeiter des Rheingoldvereins arbeiten ehrenamtlich. „Das ist wie mit ner juten Bierwurst, fängste einmal an, hörste nicht mehr auf“, scherzt Rheingold-Teammitglied Toni. So wie er, sind alle hier von klein auf begeistert von Lokomotiven und Zügen und das merkt man.

Weiter geht es in den einzigen noch erhaltenen Buckelspeisewagen aus dem Jahr 1962. Buckel deshalb, weil sich in einer kleinen zweiten Etage eine Küche verbirgt, die für den Buckel verantwortlich ist. Auch das ist eine Besonderheit, denn hier wird frisch gekocht und das auf kleinstem Raum. Koch Volker Bertl, der im richtigen Leben Polizist ist,

zaubert in der kleinen Küche ein Drei-Gänge-Menü. „Das hier ist mit Sicherheit Deutschlands bestes rollendes Restaurant“, sagt er lachend, während er in der Bremsung gerade noch rechtzeitig zur Herdplatte hechtet, um die Soße daran zu hindern samt Pfanne auf den Boden zu rutschen.

Das Highlight ist der große Aussichtswagen aus dem Jahr 1962. Umgeben von einer riesigen Glaskuppel beobachtet man hier in der teuersten Sitzkategorie die schöne Siegstrecke und fühlt sich irgendwie richtig frei.

In Gießen, kurz vor unserem Ziel, steigen wir aus, um sie zu sehen – tiefschwarz und dampfend steht die alte Lock vor uns. Sie wirkt stolz, dieser Riese aus längst vergessenen Zeiten. Obwohl mir kleine Rußpartikel vom Dampf ins Auge fliegen, bleibe ich an der Lok stehen, beobachte jedes Detail, sehe zu, wie die Kohle neu aufgeschippt wird. Ja, hier kann man schon mal in den Bann der „Zugbegeisterung“ gesogen werden. Ein helles Pfeifen reißt mich aus meinen Gedanken. „Einsteigen bitte“ – es geht weiter.

In Marburg angekommen schlendern wir durch die kleinen Gassen der Stadt, essen und trinken auf dem Weihnachtsmarkt und wärmen uns in einem kleinen niedlichen Café auf.

Auf dem Rückweg gibt es dann das Menü, an dem Volker Bertl seit sechs Uhr morgens kocht. Während wir da so sitzen und essen, schiebe ich mich tiefer in den gemütlichen Sessel, schaue dabei zu, wie die Bäume draußen in der Dämmerung verschwinden und kann das Klischee, was gerade in meinem Kopf herum schwirrt, nicht verdrängen: „Früher war wirklich alles besser – zumindest das Zug fahren“.

(Report Anzeigenblatt)