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Hochschule Niederrhein entwickelt Strickjacke mit Schutz vor Messerattacken
Das „Kettenhemd“ der Neuzeit

Hochschule Niederrhein entwickelt Strickjacke mit Schutz vor Messerattacken: Das „Kettenhemd“ der Neuzeit
Redakteurin Ulrike Mooz hat die Jacke angezogen: Sie ist gut tragbar und nicht zu schwer. FOTO: Andreas Baum
Mönchengladbach. Sie sieht ganz normal aus, sie schützt Leben und sie wurde an der Hochschule Niederrhein erfunden: Die Strickjacke mit Stichschutz soll gefährdete Berufsgruppen wie Bus- und Taxifahrer, aber auch Mitarbeiter des Jobcenters vor Messerattacken schützen. Von Ulrike Mooz

Die Stichschutzjacke ist aus einem Wollgemisch mit Reißverschluss vorne, Bündchen und Stehkragen und wenn man sie dann irgendwann als Serienprodukt kaufen kann, dann soll es sie statt in Mausgrau auch in anderen Farben und mit Muster geben. Susanne Aumann, Diplom-Ingenieurin am Forschungsinstitut für Textil und Bekleidung an der Hochschule Niederrhein, spricht statt vom Stichschutz, lieber von „stichhemmend“. Aumann ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin an dem Projekt beteiligt, in dem die Spezialjacke entwickelt wurde. So ein Durchschnitts-Randalierer mit Taschenmesser könne gegen eine solche Jacke nichts ausrichten, sagt sie. Aber einen hundertprozentigen Schutz gebe es natürlich nicht. „Einen Vitali Klitschko mit Klappmesser hält auch diese Jacke nicht ab“, sagt sie.

Der Stichschutz der Strickjacke ist eine mehrlagige gestrickte Einlage aus hochfestem Polyethylen, die in den „Oberkörper“ der Strickjacke eingenäht ist. „Die Einlage ist so platziert, dass sie die lebenswichtigen Organe schützt“, erklärt Susanne Aumann.

Auf dem Stichschutzprüfstand im Forschungslabor der Hochschule ist die Jacke auf Herz und Nieren geprüft worden. Eine extrascharfe Klinge mit einem 2,5-Kilo-Gewicht ist dort aus einem Meter Fallhöhe mit 25 Joule auf die Jacke nieder gesaust. Die Eindringtiefe in den Plastilinblock darunter war weniger als zwei Zentimeter - somit hat die Jacke den Test bestanden. In einem echten „Fall“ wäre der Jackenträger jetzt zwar verletzt, aber nicht lebensgefährlich.

„Menschen schützen sich seit Jahrhunderten mit Kettenhemden oder Lederkleidung vor Stichverletzungen“, sagt Susanne Aumann, die Idee sei also nicht wirklich neu. Nur zeitgemäß müsse ein heutiger Schutz natürlich sein.

Die Messerattacken vor einigen Jahren auf eine Jobcenter-Mitarbeiterin in Neuss, oder kürzlich auf einen Busfahrer in Berlin hatten die Wissenschaftler der Hochschule auf die Idee gebracht. Die Stichschutzjacke wurde in den Jahren 2012 bis 2014 von den Wissenschaftlern am FTB in Zusammenarbeit mit dem Strickwaren-Hersteller Bache Innovative aus Rheinberg entwickelt.

In einem zweiten Schritt soll die Jacke jetzt noch leichter und mit einer Sensor-Beschichtung versehen werden, die einen Alarm auslöst, wenn der Angegriffene dazu nicht mehr in der Lage ist. Dieses zweite Forschungsprojekt, das zum 1. Januar 2015 gestartet ist, wird im Rahmen des Förderprogramms ZIM (Zentrales Innnovationsprogramm Mittelstand) finanziert und mit 175 000 Euro für zwei Jahre gefördert. Die ebenfalls am Projekt beteiligte Strickerei prüft derzeit, ob der Stichschutz auch für andere Kleidungsstücke wie zum Beispiel Westen geeignet ist. Damit können sich Menschen in Berufen mit erhöhtem Gefährdungspotenzial auch im Sommer schützen.

Spätestens, wenn dieses Projekt in zwei Jahren ausläuft, dürfte die Jacke serienreif sein, meint Susanne Aumann. Auf etwa 300 Euro schätzt sie den Preis dann.

„Für uns Wissenschaftler ist das Ganze ein Balanceakt zwischen Tragekomfort und Schutzwirkung“, sagt sie. Ob gefährdete Berufsgruppen so eine Jacke wirklich täglich tragen würden, das herauszufinden, ist Teil des derzeitigen Forschungsprojektes. Die Fragebögen für eine entsprechende Erhebung werden zur Zeit entwickelt.

(Report Anzeigenblatt)