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Frühe Hilfe statt späte Härte

Frühe Hilfe statt späte Härte
Innenminister Ralf Jäger hatte die Auflistung der Straftaten eines jugendlichen Intensivtäters mitgebracht. FOTO: Andreas Baum

Mit "Kurve kriegen" ist die Zahl der jugendlichen Intensivtäter landesweit dramatisch gesunken. NRW-Innenminister Ralf Jäger stellte am Mittwoch Mönchengladbach als 19. Kommune vor, die in das Präventionsprojekt eingestiegen ist.
Von Ulrike Mooz

Mönchengladbach (um). Wenn Kinder notorisch die Schule schwänzen und zu Hause nur noch auftauchen, wenn sie gerade mal Lust haben, durch Brutalität und kleinere Vergehen auffallen, dann ist es bis zur Kriminalität oft nicht mehr weit. Mit dem NRW-Präventionsprojekt "Kurve kriegen" setzen Land und Kommunen schon früh an, um Kindern und Jugendlichen den Weg zurück auf die gerade Bahn zu weisen. Mönchengladbach ist jetzt als 19. Stadt in das Projekt eingestiegen.
Innenminister Ralf Jäger schockte die geladene Presse bei der Projektvorstellung am Mittwoch gleich zu Anfang mit Zahlen: 1,7 Millionen Euro Folgekosten verursacht ein jugendlicher Intensivtäter durchschnittlich im Laufe seiner "Karriere" – durch Raub, schwere Körperverletzung und Erpressung.

Bis zum 25. Lebensjahr eines Intensivtäters werden etwa 100 Menschen zu seinen Opfern. Nach dem Motto "frühe Hilfe statt späte Härte" setzt "Kurve kriegen" schon bei Kindern ab acht Jahren an. "Wir arbeiten in Kooperation mit Eltern, Lehrern und der Polizei", sagt Madeleine Geraths, Sozialarbeiterin beim Sozialdienst katholischer Männer (SKM). Die Kinder seien oft multiproblembehaftet, die Eltern überfordert. In der Familie gebe es nicht selten Drogenprobleme und Geschwister, die schon straffällig geworden seien. "Noch in der Strafunmündigkeit wird da oft schon Gas gegeben", so Jäger. Die Kinder hinterließen oft viele Opfer. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber der Polizei, sei die häufigste Reaktion der Eltern, "endlich kümmert sich mal einer".

Die Jugendlichen werden individuell gefördert durch Antiaggressionstraining, Lernhilfen, Sport- und Sprachkurse. Selbstbewusstsein und Empathiefähigkeit werden mit Rollenspielen, Videos über Gewalt und Erlebnispädagogik trainiert. Man könne auch mit abschreckenden Beispielen von "Alphatieren" aus der Szene, die hinter Gitter sitzen, arbeiten, weiß Manfred Mütz vom Jugendkommissariat 12. "Obwohl die Jugendlichen große Probleme mit Beziehungsaufbau haben und sich nur sehr schwer an Zeiten halten, tauchen sie bei uns jede Woche auf", sagt Semi Ayadi, Sozialarbeiter und Antigewalttrainer beim SKM. Pro Jugendlichem kostet sowas rund 26 000 Euro – ein Klacks verglichen mit den Kosten einer Intensivtäterlaufbahn. "Ein gutes Projekt für Mönchengladbach und eine Ergänzung zu JIT", lobt Stadtdirektor Bernd Kuckels. JIT (Jugendliche Intensivtäter) gibt es seit 2003 in Mönchengladbach. Das Programm ist mehrfach ausgezeichnet worden.

(Report Anzeigenblatt)